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Kraftstoffkrise: Deutschland exportiert Diesel trotz drohender Knappheit

Während die Preise steigen und Engpässe befürchtet werden, verlässt Diesel deutsche Raffinerien in Richtung ARA-Region.

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Kraftstoffkrise: Deutschland exportiert Diesel trotz drohender Knappheit
Während die Preise steigen und Engpässe befürchtet werden, verlässt Diesel deutsche Raffinerien in Richtung ARA-Region.Credit · DiePresse.com

Die Fakten

  • Deutschland exportiert trotz drohender Knappheit Diesel und Heizöl in die ARA-Region.
  • Der Preis für einen Liter Super liegt bei 2,03 Euro, für Diesel bei 2,00 Euro (Stand 09.05.2026).
  • Vor Kriegsbeginn kosteten Super 1,83 Euro und Diesel 1,75 Euro pro Liter.
  • Die Straße von Hormus, über die 30 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden, ist blockiert.
  • Deutschland setzt zur Dämpfung der Preise auf die Freigabe von Ölreserven und eine Energiesteuersenkung.
  • Das Bundeskartellamt beobachtet die Preisentwicklung und will gegen kartellrechtswidriges Verhalten vorgehen.
  • Die EASA warnt vor Versorgungsengpässen bei Jet-A-Kraftstoff im Nahen Osten.

Der Kraftstoffmarkt steht Kopf: Exporte trotz Engpassgefahr

Der deutsche Kraftstoffmarkt zeigt ein ungewöhnliches Bild: Während im Land eine Verknappung von Diesel droht, werden Mitteldestillate wie Diesel und Heizöl in die niederländische Region Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA) exportiert. Dies geschieht zu einer Zeit, in der Deutschland normalerweise auf Importe angewiesen ist, um seinen Dieselbedarf zu decken. Die Daten stammen von Argus Media, einem Unternehmen, das den globalen Rohstoffhandel und dessen Preise beobachtet. Die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sowie der Wirtschaftsverband Fuels und Energie haben bereits vor einer möglichen Kraftstoffknappheit im April oder Mai gewarnt. Sie verweisen auf ein sich international verknappendes Angebot an Diesel. Dennoch verlässt das raffinierte Produkt deutsche Raffinerien, was angesichts der eigenen Abhängigkeit von Importen und der globalen Angebotsverknappung Fragen aufwirft. Diese paradoxe Situation wird durch eine gesunkene Nachfrage nach Heizöl in Deutschland erklärt. Nach einem kurzfristigen Anstieg zu Beginn der Iran-Krise ist die Nachfrage aufgrund hoher Preise und Unsicherheit "stark zurückgegangen", wie Hagen Reiners, Experte für den deutschen Ölmarkt bei Argus Media, erläutert. Dies schafft einen Überschuss, der nun in die ARA-Region fließt, wo Händler offenbar bereit sind, höhere Preise zu zahlen, um sich für eine befürchtete Knappheit im April zu bevorraten.

Globale Verwerfungen und die Blockade der Straße von Hormus

Die weltweite Angebotslage für Diesel ist dramatisch eingebrochen. Wichtige Raffinerien im Nahen Osten haben ihren Betrieb eingestellt. In Asien sind Raffinerien, die üblicherweise Diesel für den Export produzieren, von der Rohölversorgung abgeschnitten, da die Blockade der Straße von Hormus den Nachschub unterbindet. Dies hat zu einem Bieterwettstreit um die Lieferungen der USA geführt, dem letzten großen Dieselimporteur. Zusätzlich haben asiatische Käufer Europa mehrere große Dieselladungen weggeschnappt, die bereits für den Transport über den Atlantik bestimmt waren. Diese Verwerfungen auf dem Weltmarkt verschärfen die Situation für Europa und Deutschland zusätzlich. Die Straße von Hormus ist eine entscheidende Meerenge, durch die nahezu 30 Prozent des weltweit verschifften Öls transportiert werden, was etwa einem Fünftel des globalen Bedarfs entspricht. Eine anhaltende Blockade oder Einschränkung der Schifffahrt dort hat weitreichende Folgen für die Energiepreise und die Versorgungssicherheit weltweit.

Preissituation in Deutschland: Nach dem Krieg leicht gesunken, aber hoch

Seit der angekündigten Waffenruhe im Iran sind die Spritpreise in Deutschland zwar leicht gesunken, verharren aber auf einem deutlich höheren Niveau als vor Beginn des Konflikts Ende Februar 2026. Aktuelle Daten vom 09.05.2026 zeigen, dass ein Liter Super durchschnittlich 2,03 Euro kostet, während Diesel bei 2,00 Euro liegt. Dies ist im Vergleich zur Vorwoche kaum eine Veränderung. Vor dem Krieg lag der Preis für Super bei 1,83 Euro und für Diesel bei 1,75 Euro pro Liter. Die Preisanstiege sind eng mit dem Rohölpreis verbunden, der seit Kriegsbeginn stark gestiegen ist. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Blockade der Straße von Hormus hält die Märkte nervös und den Ölpreis schwankend. Der Preis für Diesel ist seit Kriegsbeginn durchgängig höher als der für Benzin. Dies liegt daran, dass Diesel eine größere Rolle in der Industrie spielt, als Ersatz für Gas dient und Deutschland stärker auf Importe angewiesen ist, während die heimische Benzinproduktion den Bedarf decken kann. Auch der Preis für Heizöl ist infolge des Krieges gestiegen.

Maßnahmen zur Preisdämpfung und staatliche Reaktionen

Um die explodierenden Spritpreise einzudämmen, hat die Bundesregierung verschiedene Maßnahmen ergriffen. Deutschland gibt im Rahmen einer internationalen Initiative einen Teil seiner strategischen Ölreserven frei, wie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ankündigte. Dies soll helfen, die Preisanstiege auf den internationalen Märkten zu dämpfen. Zusätzlich wird die Energiesteuer für zwei Monate gesenkt. Dieser Rabatt bezieht sich auf den Einkaufspreis der Tankstellen und soll Bürger sowie Unternehmen entlasten. Die genaue Weitergabe des Rabatts an die Verbraucher ist jedoch angesichts der volatilen Märkte schwer abzuschätzen. Der Bundestag hat zudem ein Maßnahmenpaket beschlossen, das die Preisgestaltung an Tankstellen reguliert. Künftig dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich um 12 Uhr erhöhen, aber jederzeit senken. Ziel ist es, starke Preisschwankungen zu begrenzen. Eine Analyse des SWR Data Lab zeigte jedoch, dass viele Tankstellen im April gegen diese Regel verstoßen haben.

Regulatorische Aufsicht und alternative Kraftstoffe

Das Bundeskartellamt beobachtet die Preisentwicklung auf dem Kraftstoffmarkt aufmerksam. "Sollten sich Hinweise auf kartellrechtswidriges Verhalten der Mineralölkonzerne zeigen, würden wir konsequent dagegen vorgehen", versichert der Chef der Behörde, Andreas Mundt. Er betont jedoch, dass es keine Instrumente gibt, um geopolitisch bedingte Preissteigerungen "auf Knopfdruck" zu verhindern. Inmitten der Krise wird auch über alternative Kraftstoffe diskutiert. Seit kurzem darf in Deutschland der neue Kraftstoff HVO100 verkauft werden, eine Alternative zu Diesel, die aus Abfallstoffen hergestellt wird. Allerdings ist dieser Kraftstoff nicht für alle Fahrzeuge geeignet. Die Krise hat auch zu Unsicherheiten bei den Verbrauchern geführt. Auf sozialen Medien kursieren Behauptungen über gestreckten Sprit und Warnungen vor einer bevorstehenden Tank-Obergrenze. Die steigenden Energiepreise haben im ersten Kriegsmonat maßgeblich zur höheren Inflation in Deutschland beigetragen.

Internationale Perspektiven und Ausblick

Die Auswirkungen der Krise sind global spürbar. Tschechien setzt auf einen staatlichen Preisdeckel, um die Spritpreise zu senken, während Deutschland auf Steuersenkungen und die Freigabe von Reserven setzt. Länder wie Thailand, die stark von Öl- und Gaslieferungen aus den Golfstaaten abhängig sind, sehen sich mit steigenden Energiepreisen und Lieferengpässen konfrontiert. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) warnt zudem vor Versorgungsengpässen bei Jet-A-Kraftstoff im Nahen Osten. Dies deutet darauf hin, dass die Probleme auf dem Energiemarkt weitreichender sind als nur der Dieselmarkt. Die Versorgungslage in Deutschland könnte sich nach Ostern weiter zuspitzen. Laut Argus-Daten wird die letzte Dieselladung für Europa, die den Persischen Golf vor der Blockade der Straße von Hormus verlassen hat, im April erwartet. Die weitere Entwicklung hängt entscheidend davon ab, ob und wann die Straße von Hormus wieder sicher passierbar sein wird und wie sich die globalen Lieferketten erholen.

Das Wichtigste

  • Deutschland exportiert trotz eigener potenzieller Dieselknappheit Kraftstoffe in die ARA-Region, was auf eine gesunkene heimische Heizölnachfrage zurückzuführen ist.
  • Die globale Energieversorgung ist durch die Blockade der Straße von Hormus und den Ausfall von Raffinerien stark beeinträchtigt, was zu Preissteigerungen und Lieferengpässen führt.
  • Die Spritpreise in Deutschland sind seit Kriegsbeginn im Iran deutlich gestiegen und liegen nun über dem Vorkriegsniveau, trotz leichter Senkungen nach der Waffenruhe.
  • Die Bundesregierung versucht, die Preise durch die Freigabe von Ölreserven und eine Energiesteuersenkung zu dämpfen und reguliert die Preisgestaltung an Tankstellen.
  • Das Bundeskartellamt überwacht die Preisentwicklung, warnt aber davor, dass geopolitisch bedingte Preissteigerungen nicht einfach verhindert werden können.
  • Die internationale Energiekrise betrifft verschiedene Sektoren und Regionen, mit Warnungen vor Engpässen bei Flugkraftstoff und unterschiedlichen nationalen Lösungsansätzen.
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