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Strompreise stürzen auf minus 500 Euro: Rekordüberschuss an Solarenergie belastet Netze

Am 1. Mai fällt der Börsenstrompreis auf den technisch möglichen Tiefstwert von minus 499,99 Euro je Megawattstunde – die Differenz zum Abendpreis beträgt 733 Euro.

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Strompreise stürzen auf minus 500 Euro: Rekordüberschuss an Solarenergie belastet Netze
Am 1. Mai fällt der Börsenstrompreis auf den technisch möglichen Tiefstwert von minus 499,99 Euro je Megawattstunde – diCredit · BILD

Die Fakten

  • Am 1. Mai fällt der Börsenstrompreis auf minus 499,99 Euro je MWh, den tiefstmöglichen Wert.
  • Die Preisspanne am 1. Mai beträgt 732,98 Euro je MWh zwischen Tiefst- und Höchstpreis.
  • Im April 2024 lagen die Strompreise an der Börse über 120 Stunden im negativen Bereich.
  • Die installierte Solarleistung in Deutschland beträgt über 120 Gigawatt, die Netzinfrastruktur ist für 80 Gigawatt Spitzenlast ausgelegt.
  • Übertragungsnetzbetreiber müssen die Einspeisung von Solaranlagen um mehrere Gigawatt reduzieren, um die Netzfrequenz stabil zu halten.
  • Professor Manuel Frondel vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung warnt vor steigenden Kosten für Steuerzahler durch Vergütungsdifferenzen.
  • Benjamin Aust von der TU Freiberg fordert mehr grundlastfähige erneuerbare Energien, um negative Preise zu vermeiden.

Rekordtief am 1. Mai: Strompreis fällt auf minus 500 Euro

Am 1. Mai ist der Börsenstrompreis in Deutschland auf den technisch möglichen Tiefstwert von minus 499,99 Euro pro Megawattstunde gefallen. Das entspricht minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Ein derart niedriger Preis wurde zuletzt im Juli 2023 registriert, also vor knapp drei Jahren. Der massive Preisverfall ist auf ein extremes Überangebot an Solarstrom zurückzuführen. Am Feiertag ist die industrielle Nachfrage gering, während die Photovoltaikanlagen unter der Frühlingssonne nahezu Volllast produzieren. Die installierte Leistung aller Solaranlagen in Deutschland ist auf über 120 Gigawatt angewachsen – die Netzinfrastruktur ist jedoch für eine Spitzenlast von nur rund 80 Gigawatt ausgelegt.

Preisspanne von 733 Euro: Von minus 500 auf plus 233 Euro am Abend

Die Strompreise schwanken im Tagesverlauf extrem. Zwischen 12:45 Uhr und 14:30 Uhr fielen sie auf minus 499,99 Euro je MWh, um dann bis 19:45 Uhr auf 232,99 Euro je MWh (23,3 Cent je kWh) zu steigen. Die Preisspanne beträgt damit 732,98 Euro je MWh beziehungsweise 73,29 Cent je kWh. Bereits am vorangegangenen Wochenende waren die Preise auf minus 480 Euro je MWh gesunken. Im gesamten April lagen die Strompreise an der Börse knapp 500 Viertelstunden – mehr als 120 Stunden – im negativen Bereich. Jeden Tag dieser Woche gab es mehrere Stunden mit negativen Preisen.

Netzbetreiber greifen ein: Abschaltung von Solaranlagen und konventionellen Kraftwerken

Um einen Blackout durch Netzüberlastung zu verhindern, müssen die Übertragungsnetzbetreiber massiv eingreifen. Sie regeln die Einspeisung von Solaranlagen um mehrere Gigawatt herunter, um die Netzfrequenz von 50 Hertz stabil zu halten. Auch konventionelle Kraftwerke, die eigentlich für die Grundlast zuständig sind, werden kostenpflichtig herunterreguliert. Ein massiver Ausbau von Batteriespeichern könnte diese Mittagsspitzen bestenfalls abmildern, aber nicht vollständig auffangen. Betreiber von Großspeichern finanzieren ihre Investitionen aus der Preisdifferenz zwischen Lade- und Entladephasen. Wenn unzählige Batterien den Markt ausgleichen, schwindet genau diese Differenz.

Steuerzahler tragen die Kosten: Vergütung für ungenutzten Solarstrom

Professor Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereiches „Umwelt und Ressourcen“ am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, erklärte: „Negative Strompreise sind die Folge von sehr hohen Überschüssen an Solarstrom. An sonnigen Tagen kann das Stromangebot die inländische Nachfrage erheblich übersteigen: Länder wie Frankreich, die Niederlande, Österreich oder die Schweiz nehmen uns den überschüssigen Strom für viel Geld ab.“ Die Rechnung zahle am Ende der Steuerzahler, so Frondel. Der Grund: „Der Steuerzahler muss die Differenz, für die mit den Stromerzeugern vertraglich vereinbarte Vergütung des Solarstroms zahlen, obwohl der Strom nicht gebraucht wird. Je öfter die Börsenstrompreise negativ werden, desto teurer wird es für den deutschen Steuerzahler.“

Forderung nach grundlastfähigen erneuerbaren Energien

Benjamin Aust von der Technischen Universität Freiberg betonte: „Je tiefer der Börsenpreis fällt, desto teurer wird es mittelbar für die Steuerzahler. Wir bräuchten also mehr grundlastfähige erneuerbare Energie.“ Damit spricht er die Notwendigkeit an, die Stromerzeugung besser an die Nachfrage anzupassen. Die aktuellen negativen Preise zeigen die strukturellen Probleme des deutschen Strommarktes: Ein Überangebot an fluktuierender Solarenergie trifft auf eine unzureichende Speicherinfrastruktur und ein Netz, das für geringere Spitzenlasten ausgelegt ist. Die Politik steht vor der Herausforderung, Anreize für Speicher und flexible Verbraucher zu schaffen, um die Volatilität zu reduzieren.

Ausblick: Negative Preise als Dauerzustand?

Mit dem weiteren Ausbau der Photovoltaik dürften negative Strompreise häufiger auftreten. Ohne grundlegende Reformen des Strommarktdesigns und einen massiven Ausbau von Speichern sowie lastflexiblen Verbrauchern drohen die Kosten für die Allgemeinheit weiter zu steigen. Die Ereignisse des 1. Mai sind ein Weckruf: Der Strommarkt benötigt dringend eine Anpassung an die Realität der erneuerbaren Energien. Andernfalls könnten negative Preise nicht nur an Feiertagen, sondern bald an vielen sonnigen Tagen zur Regel werden – mit erheblichen finanziellen Folgen für Steuerzahler und Netzbetreiber.

Das Wichtigste

  • Am 1. Mai fiel der Börsenstrompreis auf den technischen Tiefstwert von minus 499,99 Euro je MWh, verursacht durch ein Überangebot an Solarstrom bei geringer Nachfrage.
  • Die Preisspanne zwischen Mittag und Abend betrug 732,98 Euro je MWh, was die extreme Volatilität des Marktes verdeutlicht.
  • Übertragungsnetzbetreiber mussten die Einspeisung von Solaranlagen und konventionellen Kraftwerken reduzieren, um die Netzfrequenz stabil zu halten.
  • Steuerzahler tragen die Kosten für die Vergütung des nicht genutzten Solarstroms, was die finanzielle Belastung durch negative Preise erhöht.
  • Experten fordern mehr grundlastfähige erneuerbare Energien und einen Ausbau von Batteriespeichern, um die Volatilität zu verringern.
  • Ohne Reformen drohen negative Strompreise häufiger aufzutreten, was die Kosten für die Allgemeinheit weiter steigen lässt.
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