Actualité

Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden

Am vergangenen Sonntag zahlten Börsenhändler zeitweise 480 Euro pro Megawattstunde, um Strom loszuwerden – Haushalte mit dynamischen Tarifen verdienten bis zu 18 Euro beim Aufladen ihres E-Autos.

5 min
Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden
Am vergangenen Sonntag zahlten Börsenhändler zeitweise 480 Euro pro Megawattstunde, um Strom loszuwerden – Haushalte mitCredit · BILD

Die Fakten

  • Am Sonntag, 27. April 2025, fiel der Börsenstrompreis auf minus 480 Euro pro Megawattstunde – der niedrigste Stand seit Juli 2023.
  • Die Netzlast betrug rund 43 Gigawatt, während Wind und Sonne allein 40 Gigawatt lieferten, hinzu kamen 6,4 Gigawatt aus Kohle und Biomasse.
  • Insgesamt gab es 2025 in Deutschland mindestens 525 Stunden mit negativen Strompreisen – ein neuer Rekord nach 460 Stunden im Jahr 2024.
  • Kunden des dynamischen Tarifs von 1KOMMA5° erhielten am Sonntag im Schnitt bis zu 35 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde, inklusive Steuern und Netzentgelte.
  • Mit einer 22-kW-Wallbox ließen sich am Sonntag bis zu 94 Kilowattstunden laden, wofür der Betreiber 18 Euro erhielt.
  • Die installierte Leistung aller Solaranlagen in Deutschland beträgt inzwischen rund 120 Gigawatt, die Netzinfrastruktur war ursprünglich für eine Spitzenlast von 80 Gigawatt ausgelegt.
  • Die Bundesnetzagentur hat Verfahren gegen 77 Netzbetreiber eingeleitet, weil sie den gesetzlich vorgeschriebenen Smart-Meter-Rollout verschleppen.

Negative Strompreise: Wenn der Strom zur Last wird

Am vergangenen Sonntag traf eine rekordhohe Einspeisung aus Wind- und Solaranlagen auf eine feiertagsbedingt minimale Nachfrage. Das Angebot an elektrischer Energie überstieg die Nachfrage so deutlich, dass der Großhandelspreis an der Strombörse auf minus 480 Euro pro Megawattstunde fiel – der niedrigste Wert seit Juli 2023. Energieversorger mussten Abnehmern faktisch eine Entsorgungsgebühr zahlen, um ihren Strom loszuwerden. Negative Strompreise entstehen, wenn die Produktion den Verbrauch übersteigt und der Strom nicht in ausreichendem Maße gespeichert werden kann. In Deutschland liefern erneuerbare Energien inzwischen im Schnitt mehr als die Hälfte des Strombedarfs, speisen aber oft unvorhersehbar große Mengen ins Netz. Hinzu kommen fossile Kraftwerke, die aus technischen oder vertraglichen Gründen nicht einfach heruntergefahren werden können.

Rekordverdächtige Überproduktion am Sonntag

Nach Daten der Bundesnetzagentur betrug die Netzlast am Sonntag zwischen 14 und 15 Uhr rund 43 Gigawatt, während allein Wind- und Solaranlagen etwa 40 Gigawatt lieferten. Dazu kamen Kohle- und Biomassekraftwerke mit 6,4 Gigawatt – das Angebot überstieg die Nachfrage deutlich. Die Preise notierten für mehrere Stunden im negativen Bereich, zeitweise fielen sie auf bis zu minus 480 Euro pro Megawattstunde. Bereits am Freitag und Samstag waren die Preise für Stunden ins Minus gerutscht: Am Freitag lagen sie für über fünf Stunden im negativen Bereich (maximal minus 39,50 Euro/MWh), am Samstag für neun Stunden und 15 Minuten mit einem Tiefstwert von minus 201,70 Euro/MWh. Der Höhepunkt wurde am Sonntag erreicht: Acht Stunden und 15 Minuten lang lagen die Preise unter null Euro.

Wer profitiert: Dynamische Tarife und intelligente Steuerung

Haushalte mit einem dynamischen Stromtarif und einem Smart Meter können direkt von den negativen Börsenpreisen profitieren. Der Preis, den Endkunden zahlen, setzt sich aus dem Börsenpreis plus Steuern, Netzentgelten und Abgaben zusammen – in Deutschland rund 60 Prozent des Gesamtpreises. Trotz dieser Zuschläge fiel der Endkundenpreis am Sonntag bei Kunden von 1KOMMA5° im Schnitt auf minus 35 Cent pro Kilowattstunde, in Gebieten mit besonders niedrigen Netzentgelten sogar auf minus 39 Cent. Wer sein Elektroauto genau in den Stunden negativer Preise lud, konnte damit Geld verdienen. Mit einer durchschnittlichen Wallbox von 11 Kilowatt Leistung ließen sich knapp 47 Kilowattstunden laden – der Fahrer erhielt dafür gut neun Euro. Mit einer 22-Kilowatt-Wallbox waren sogar 94 Kilowattstunden und 18 Euro Gewinn möglich. Voraussetzung ist eine intelligente Steuerung, die automatisch auf die Preissignale reagiert, da die negativen Preise nur kurze Fenster dauern.

Infrastrukturdefizite: Netz und Speicher hinken hinterher

Die paradoxe Situation offenbart strukturelle Schwächen. Die deutsche Netzinfrastruktur war ursprünglich für eine Spitzenlast von rund 80 Gigawatt ausgelegt, inzwischen beträgt die installierte Leistung der Solaranlagen allein gut 120 Gigawatt. An sonnigen Wochenenden entsteht ein massiver Überfluss, der nicht gespeichert werden kann. Die Strombörse deckelt den negativen Preis bei maximal minus 500 Euro – wird diese Grenze erreicht, müssen die Übertragungsnetzbetreiber wie Tennet oder Amprion eingreifen, um einen Netzzusammenbruch zu verhindern. Kürzlich waren Eingriffe mit einer Regelenergie von 2,5 Gigawatt nötig, um die Netzfrequenz von 50 Hertz stabil zu halten. Zudem fuhren Betreiber im sogenannten Redispatch konventionelle Kraftwerke kostenpflichtig herunter. Die Annahme, Photovoltaikanlagen würden sich bei Überfrequenz automatisch drosseln, trifft nur als Notmaßnahme zu – eine reguläre Netzsteuerung erfordert aktive Flexibilität, keine passiven Notbremsen.

Smart-Meter-Rollout stockt – Milliardenverlust für Verbraucher

Der Schlüssel zur Lösung liegt in intelligenten Messsystemen und Batteriespeichern. Ein massiver Ausbau von Speichern könnte die Mittagsspitzen aufsaugen und in die Abendstunden verschieben. Doch das offizielle Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) verpflichtet die lokalen Messstellenbetreiber zwar zu einem zügigen Rollout intelligenter Messsysteme – in der Praxis wird dieser Auftrag von vielen Netzbetreibern verschleppt. Ohne ein Smart-Meter-Gateway können Haushalte keinen dynamischen Tarif abschließen und ihre Speicher nicht netzdienlich laden. Die Bundesnetzagentur hat deshalb Verfahren gegen 77 Netzbetreiber eingeleitet. Der schleppende Rollout kostet die Volkswirtschaft nach Schätzung von Experten Milliarden, weil günstiger Ökostrom ungenutzt bleibt und stattdessen teure Regelenergie eingesetzt werden muss. Ein Blick nach Kalifornien zeigt, wie es gehen kann: Dort decken Batteriespeicher in den Abendstunden bereits fast 15 Prozent der gesamten Stromnachfrage ab und glätten die Preisspitzen.

Politische Konsequenzen: Einspeisevergütung auf dem Prüfstand

Die negativen Preise haben auch eine politische Dimension. Fest zugesicherte Einspeisevergütungen für ältere Solaranlagen müssen bei negativen Börsenpreisen aus dem Bundeshaushalt ausgeglichen werden – einer der Gründe, warum Wirtschaftsministerin Katharina Reiche die Einspeisevergütung abschaffen will. Kritiker warnen jedoch, dass dies den Ausbau der Erneuerbaren bremsen könnte. Tatsächlich senken die Erneuerbaren den Strompreis im Durchschnitt deutlich, wie die aktuellen Daten belegen. Die sogenannten Dunkelflauten – Phasen ohne viel Wind und Sonne – sind zwar ein Problem, doch die Hellbrisen drücken die Preise massiv. Die ständige Angst vor Strommangel ist nach Einschätzung von Experten unbegründet, vielmehr fehlt es an Flexibilität und Speicherkapazität.

Ausblick: Flexibilität als Schlüssel für die Energiewende

Jannik Schall, Produktchef und Mitgründer von 1KOMMA5°, bringt es auf den Punkt: „Negative Börsenstrompreise zeigen, wie stark die erneuerbaren Energien den Strompreis senken. Sie sind aber auch ein Symptom von zu wenig Flexibilität im Stromnetz und zu wenig Speicherkapazitäten. Großbatterien und Heimspeicher zusammen mit intelligenter Steuerung könnten den Strompreis stabilisieren und letztendlich für alle senken.“ Die Technik zur Rettung des Sonnenstroms existiert längst – sie wird nur durch bürokratische Verzögerungen beim Zähleraustausch blockiert. Ein flächendeckender Rollout zeitvariabler Netzentgelte könnte zusätzliche Sparpotenziale erschließen. Bis dahin werden negative Preise vor allem denjenigen zugutekommen, die bereits in intelligente Steuerung investiert haben.

Das Wichtigste

  • Am Sonntag fiel der Börsenstrompreis auf minus 480 Euro/MWh – ein Rekord seit 2023, verursacht durch hohe Wind- und Solarproduktion bei geringer Nachfrage.
  • Haushalte mit dynamischem Tarif und Smart Meter konnten bis zu 39 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde gutgeschrieben bekommen; mit einer 22-kW-Wallbox waren 18 Euro Gewinn möglich.
  • 2025 gab es in Deutschland mindestens 525 Stunden mit negativen Strompreisen – ein neuer Rekord nach 460 Stunden im Vorjahr.
  • Die Netzinfrastruktur ist mit 80 Gigawatt Spitzenlast ausgelegt, die installierte Solarleistung beträgt aber 120 Gigawatt – ein massives Ungleichgewicht.
  • Der Smart-Meter-Rollout stockt: Die Bundesnetzagentur hat Verfahren gegen 77 Netzbetreiber eingeleitet, weil sie den gesetzlichen Auftrag verschleppen.
  • Kalifornien zeigt, wie Batteriespeicher die Preisspitzen glätten können – dort decken sie abends fast 15 Prozent der Nachfrage.
Galerie
Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden — image 1Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden — image 2Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden — image 3Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden — image 4Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden — image 5Strompreis stürzt auf minus 480 Euro: Rekordüberschuss aus Erneuerbaren beschert Verbrauchern Geld beim Laden — image 6
Mehr dazu