Wiborada von St. Gallen: Eine eingemauerte Heilige und ihr Erbe nach 1100 Jahren
Die erste von Rom heiliggesprochene Frau lebte als Inklusin in einer Zelle – heute wird ihr radikaler Lebensentwurf neu entdeckt.

SWITZERLAND —
Die Fakten
- Wiborada starb am 2. Mai 926 als Märtyrerin durch Hunnen.
- Sie wurde 1047 als erste Frau im offiziellen römischen Verfahren heiliggesprochen.
- Die nachgebaute Wiborada-Zelle in St. Mangen wurde 2021 eröffnet.
- Bischof Beat Grögli besuchte die Zelle im Juli 2025.
- Zum 1100. Todestag am 2. Mai 2026 ist ein großes Fest geplant.
- Ein Projektverein wurde 2025 gegründet, um das Jubiläumsjahr zu organisieren.
Eine Frau, die sich einmauern ließ
Wiborada von St. Gallen war die erste heiliggesprochene Frau der Christenheit. Auf eigenen Wunsch ließ sie sich in einer Zelle neben der Kirche St. Mangen einmauern und lebte dort zehn Jahre lang als Inklusin. Von dort aus beriet sie Mönche, Äbte und Fürsten – und wurde zur Stadtgröße. Die Theologin Hildegard Aepli, die die vergessene Figur wieder ans Licht holte, beschreibt Wiborada als „Beraterin, Fürsprecherin, Gesprächspartnerin“. Ihre Zelle hatte zwei Fenster: eines zur Kirche, eines nach draußen – Symbole für die Pole Gott und Welt, die ihr Leben bestimmten.
Der Tod durch die Hunnen und die Heiligsprechung
Wiborada warnte die Mönche von St. Gallen vor dem Einfall der Hunnen. Die Benediktiner flohen mit ihren Kultgegenständen, doch die Inklusin selbst fand einen grausamen Tod: Sie starb als Märtyrerin am 2. Mai 926, vor genau 1100 Jahren. Im Jahr 1047 wurde sie als erste Frau im offiziellen römischen Verfahren heiliggesprochen. Ihr Grab befindet sich im Inneren der Kirche St. Mangen, auch wenn es nach der Reformation geräumt wurde.
Die Wiederentdeckung durch ein modernes Projekt
Hildegard Aepli gab den Anstoß, Wiboradas Zelle in St. Gallen nachzubauen. Seit 2021 können Interessierte in der hölzernen Klause neben der Kirche St. Mangen für Tage oder eine Woche dasselbe tun wie damals Wiborada: beten, nachdenken, Eucharistie mitfeiern und sich ansprechen lassen. Der neue St. Galler Bischof Beat Grögli, seit Juli 2025 im Amt, besuchte die Zelle kürzlich. „Ich habe durch dieses Wiborada-Projekt die Heilige Wiborada noch einmal neu entdeckt“, sagte er. Die herausfordernde Existenzform habe ihm gezeigt, „wie ich selber in diesem sperrigen Lebensentwurf doch viel Kostbares entdecken konnte“.
Eine Botschaft für die heutige Gesellschaft
Bischof Grögli sieht in Wiborada eine Botschaft für die Gegenwart: „dass im Dasein, im Bleiben ein großer Wert liegt, gerade in einer Gesellschaft, wo wir immer schon wieder an einem anderen Ort sind.“ Auch Hildegard Aepli betont die Aktualität: Wiborada sei einfach da gewesen, rund um die Uhr am selben Ort und zugänglich. „Über dieses Dasein an diesem Ort … hat sie eine Spiritualität gelebt, von der wir sagen können: Sie lehnt sich an den ersten Namen von Gott an. Sie war die, die da ist.“ Pfarrer Tim Mahle, reformierter Pfarrer und Mitglied der Projektgruppe, ergänzt: „Man sollte sich solcher Figuren wie Wiborada bedienen.“ Sie stehe für Mut und Klarheit, sich für einen Lebensweg zu entscheiden und ihn durchzuziehen, auch wenn er gesellschaftlich nicht anerkannt sei.
Das Jubiläumsjahr 2026 und die Vermarktung einer Ikone
Zum 1100. Todestag am 2. Mai 2026 ist ein großes Fest in St. Gallen geplant. Ein Projektverein wurde 2025 gegründet, um die Feierlichkeiten voranzutreiben und Gelder zu akquirieren. „So ein Jubiläumsjahr braucht ja immer finanzielle Ressourcen“, sagt Mahle. Wichtig war den Unterstützern, dass das Ganze nicht nur kirchlich geprägt ist, sondern in die Gesellschaft ausstrahlt. Rund um Wiborada ist bereits eine kleine Industrie entstanden: Es gibt ein Wiborada-Bier, Lehrmittel, einen Rundgang, T-Shirts, Bücher und sogar Wiborada-Glacé mit Fenchelgeschmack. Mahle erklärt: „Wiborada hat in den letzten Jahren durch dieses Projekt an Bekanntheit gewonnen. Das Ziel ist, dass sie in dieser Stadt ihren Platz bekommt.“
Historische Verbürgtheit und offene Fragen
Trotz der Projektionsfläche, die Wiborada bietet, ist sie eine historisch verbürgte Person. Zwei größere Biografien und Nachweise in der Stiftsbibliothek belegen ihre Existenz. Sie stammte aus wohlhabenden Verhältnissen vom Bodensee, entschied sich aber früh für einen Lebensweg, der nicht dem ihrer Familie entsprach. Bevor sie sich einschließen ließ, lebte sie kurz als Einsiedlerin in St. Georgen. Was Wiborada selbst zum Fest zu ihren Ehren sagen würde, bleibt offen – doch ihre Botschaft des Daseins und der Achtsamkeit scheint in einer schnelllebigen Zeit mehr denn je Gehör zu finden.
Das Wichtigste
- Wiborada von St. Gallen war die erste von Rom heiliggesprochene Frau und starb 926 als Märtyrerin.
- Ihr Lebensentwurf als Inklusin – eingemauert in einer Zelle – wird heute als radikale Form der Spiritualität neu interpretiert.
- Eine nachgebaute Zelle in St. Mangen ermöglicht seit 2021 moderne Einkehrtage.
- Zum 1100. Todestag im Mai 2026 plant ein Projektverein ein großes Jubiläumsfest mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung.
- Wiborada dient als Projektionsfläche für Werte wie Mut, Beständigkeit und Achtsamkeit in einer unsicheren Zeit.
- Die historische Figur ist durch Biografien und Stiftsbibliothek belegt, ihr Grab befindet sich in der Kirche St. Mangen.




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