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Norwegischer Biathlon-Star Strømsheim attackiert Verband nach Kader-Aus

Der zweifache Weltmeister wirft dem neuen Sportchef Inkompetenz vor und prangert einen Regelbruch bei der Nominierung an.

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Norwegischer Biathlon-Star Strømsheim attackiert Verband nach Kader-Aus
Der zweifache Weltmeister wirft dem neuen Sportchef Inkompetenz vor und prangert einen Regelbruch bei der Nominierung anCredit · sport.de

Die Fakten

  • Endre Strømsheim (28) und Vebjørn Sørum (27) wurden aus dem A- und B-Kader für die Saison 2026/27 gestrichen.
  • Strømsheim ist amtierender Weltmeister im Massenstart und gewann mit der Staffel Gold bei der WM 2025 in Lenzerheide.
  • Johan-Olav Botn (26) und Isak Frey (22) rücken in den Weltcup-Kader auf.
  • Strømsheim verfasste einen öffentlichen Beschwerdebrief an die Sender TV2 und NRK mit vier konkreten Vorwürfen.
  • Der neue Sportchef Lars Mæland habe keine Erfahrung in der Bewertung von Biathlon-Resultaten und sei noch in seinem alten Job aktiv.
  • Der neue Cheftrainer Patrick Oberegger habe Strømsheim seit seiner Ernennung nicht ein einziges Mal kontaktiert.
  • Der Verband habe entgegen vorheriger Absprachen nur die Saison 2025/26 und nicht die letzten zwei Jahre berücksichtigt.
  • Ole Einar Bjørndalen zeigt Verständnis: Beide hätten eine miserable Saison hinter sich, während extreme Talente wie Botn und Frey drängten.

Ein öffentlicher Beschwerdebrief erschüttert den norwegischen Biathlon

Endre Strømsheim ist stinksauer. Nachdem der norwegische Biathlonverband ihn am Mittwoch offiziell aus dem A- und B-Kader für die kommende Saison aussortierte, ließ der 28-Jährige seinem Frust freien Lauf. Er schickte einen Beschwerdebrief an die Sender TV2 und NRK, die das Schreiben umgehend veröffentlichten. In dem Brief erhebt der zweifache Weltmeister vier konkrete Vorwürfe gegen die Verantwortlichen. Er wirft ihnen vor, sich bei der Kader-Nominierung nicht an die selbst auferlegten Regeln gehalten zu haben. Strømsheim war wie sein Teamkollege Vebjørn Sørum weder für das A- noch das B-Team berücksichtigt worden.

Persönliche Attacke auf den neuen Sportchef Lars Mæland

Am schärfsten attackierte Strømsheim den neuen Sportchef Lars Mæland. „Der neue Sportdirektor hat keine Erfahrung bei der Bewertung von Biathlon-Resultaten. Vier Wochen nach seiner Einstellung ist er immer noch in seinem früheren Job aktiv“, wetterte er. Ausgerechnet jetzt habe der Verband seine eigenen Statuten geändert und dem Sportchef, einem Mann ohne Erfahrung, das entscheidende Mitspracherecht bei der Nominierung eingeräumt. „Also ist plötzlich ein Neuling dafür verantwortlich, dass auf Basis der ungewöhnlichsten Saison aller Zeiten ein Paradigmenwechsel im erfolgreichsten Team der Welt stattfindet“, schrieb Strømsheim. „Signifikante Informationen des früheren Sportdirektors wurden nicht berücksichtigt. Die Kontinuität wurde unterbrochen. Wichtige Erfahrungen aus den letzten zehn erfolgreichen Jahren sind verschwunden. Verdiente Athleten werden aus dem Team geworfen.“

Auch der neue Cheftrainer Patrick Oberegger gerät in die Kritik

Mæland ist nicht der einzige Verantwortliche, der von Strømsheim scharf attackiert wurde. Auch der neue Cheftrainer Patrick Oberegger bekam sein Fett weg. Ihm warf Strømsheim vor, ihn seit seiner Versetzung auf den Posten nicht ein einziges Mal persönlich kontaktiert zu haben. „Das verstößt gegen das oberste Prinzip des Dialogs“, klagte er. Weiterhin kritisierte der 28-Jährige, dass der Verband bei den Kader-Nominierungen in diesem Jahr entgegen den Absprachen nur die Resultate der Saison 2025/26 in Betracht gezogen habe. Vorab festgelegt worden war allerdings, dass die letzten zwei Jahre in die Rechnung mit eingehen. Laut Strømsheim hat der Verband nun aus dem Nichts einen „Präzedenzfall“ geschaffen.

Gesundheit der Athleten gefährdet? Strømsheim warnt vor Signalwirkung

Last but not least warf der amtierende Doppel-Weltmeister dem Verband vor, mit seiner jetzigen Nominierung dafür zu sorgen, dass die Athleten künftig nicht mehr ihre Gesundheit an erste Stelle stellen, weil sie fürchten müssen, dadurch ihren Platz im Kader zu verlieren. „Mein Rauswurf sendet das Signal, dass jeder gefährdet ist. Eine Verletzung, eine Krankheit oder ein Formtief und man ist raus. Das eskaliert das Problem, statt es zu mildern. Wie kann der Verband denken, dass dies das Beste für den norwegischen Biathlon-Sport ist?“, stellte Strømsheim eine klagende Frage in den Raum. Gegenüber NRK rechtfertigte der 28-Jährige den Inhalt des Briefes: „Der Grund, warum ich diesen Brief geschrieben habe, ist, weil mir wichtig ist, dass so etwas nie wieder passiert. Dass künftige Entscheidungen auf Basis der Resultate getroffen und Athleten mit Respekt behandelt werden. Ich tue das, damit zukünftige Athleten nicht auf die gleiche Art und Weise behandelt werden.“

Die neue Generation drängt: Botn und Frey rücken auf

Der norwegische Biathlonverband hat zwei harte Entscheidungen für die kommende Saison getroffen. Endre Strømsheim und Vebjørn Sørum sind nicht länger Teil des Elite-Kaders und werden auch im B-Team künftig nicht berücksichtigt. Dafür rücken Johan-Olav Botn (26) und Isak Frey (22) in die hochdekorierte norwegische Mannschaft auf. Erst im Winter 2024/25 galten beide aussortierten Athleten als neue norwegische Sterne am Biathlon-Himmel. Strømsheim belegte im Gesamtweltcup den siebten Rang und ist aktueller Weltmeister im Massenstart. Damit ist er zwar automatisch im WM-Kader 2027 und hat einen Platz in diesem Wettbewerb sicher, im Weltcup wird er bis dahin wohl nicht mehr auftauchen. Auch Sørum konnte in jenem Jahr einen Weltcupsieg feiern.

Bjørndalen zeigt Verständnis – „Luxusproblem“ der Norweger

Teamkollege Johannes Dale-Skjevdal, der ähnliches in seiner Karriere hinter sich hat, fühlt mit den beiden: „Das ist wirklich brutal. Ich habe etwas ganz Ähnliches durchgemacht und egal, wie man es dreht und wendet: Es ist brutal.“ Gründe für die Aussortierung liefert der ehemalige Biathlon-Superstar Ole Einar Bjørndalen. Gegenüber TV2 erklärt die Legende: „Beide hatten verglichen mit dem, was von ihnen erwartet wurde, eine miserable Saison. Einer hatte Rückenprobleme, der andere andere Herausforderungen. Und dann ist es nicht leicht, wenn man zwei so extreme Talente wie diese beiden [Botn und Frey] hat.“ Das norwegische Team habe eben ein Luxusproblem, wo locker zehn Läufer im Weltcup starten könnten.

Ein Präzedenzfall mit offenen Fragen

Der Fall Strømsheim wirft grundsätzliche Fragen auf: Darf ein Verband seine Selektionskriterien mitten im Prozess ändern? Und wie viel Mitspracherecht sollte ein unerfahrener Sportchef haben? Strømsheims Vorwürfe deuten auf ein Führungsvakuum hin, das die norwegische Biathlon-Dominanz gefährden könnte. Der Verband hat sich bisher nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Strømsheim selbst bleibt im WM-Kader 2027, doch seine Zukunft im Weltcup ist ungewiss. Die Botschaft an alle Athleten ist klar: In Norwegen reicht selbst ein Weltcupsieg nicht, um einen Platz im Team sicher zu haben.

Das Wichtigste

  • Endre Strømsheim und Vebjørn Sørum wurden aus dem norwegischen Elite-Kader gestrichen, obwohl sie Weltcupsiege und WM-Titel vorweisen können.
  • Strømsheim erhob in einem öffentlichen Brief vier Vorwürfe: inkompetenter Sportchef, fehlender Dialog mit dem Trainer, geänderte Selektionskriterien und Gefährdung der Athletengesundheit.
  • Der neue Sportchef Lars Mæland und Cheftrainer Patrick Oberegger stehen im Zentrum der Kritik.
  • Johan-Olav Botn und Isak Frey rücken als Talente nach, was die enorme Tiefe des norwegischen Kaders zeigt.
  • Ole Einar Bjørndalen sieht die Entscheidung als Folge einer schwachen Saison der beiden und eines Luxusproblems im Team.
  • Strømsheim ist automatisch für die WM 2027 qualifiziert, aber sein Weltcup-Start ist ungewiss.
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