Berlins Görlitzer Brücken droht die Sperrung: Deutsche Bahn kündigt Pachtvertrag wegen Korrosionsschäden
Die historischen Eisenbahnbrücken zwischen Kreuzberg und Treptow-Köpenick sollen Ende Juni geschlossen werden – Anwohner und Bezirke protestieren.

GERMANY —
Die Fakten
- Die Deutsche Bahn hat den Pachtvertrag für die vier denkmalgeschützten Görlitzer Brücken zum 30. Juni gekündigt.
- Hauptursache der Korrosion ist laut DB ein vom Bezirk Treptow-Köpenick auf den Brücken errichteter Radweg.
- Die Brücken verbinden die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick über den Kanal.
- Die Bahn ist bereit, die Flächen kostenlos an die Bezirke zu übereignen, Gespräche blieben bislang erfolglos.
- Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg sprach sich am Mittwochabend mit großer Mehrheit gegen die Schließung aus.
- Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister hat sich an Finanzsenator Stefan Evers und Verkehrssenatorin Ute Bonde (beide CDU) gewandt.
- Seit 2005 steht Jimmy's Falafelstand auf der Alt-Treptower Seite, der bei einer Sperrung verschwinden müsste.
Eine Verbindung unter den Füßen bröckelt
Die Görlitzer Brücken, vier historische Eisenbahnbrücken, die den Kanal zwischen Alt-Treptow und Kreuzberg überspannen, sind in ihrem Bestand bedroht. Die Deutsche Bahn hat den Pachtvertrag mit dem Bezirk Treptow-Köpenick zum 30. Juni gekündigt – wegen Korrosionsschäden, die durch einen auf den Brücken errichteten Radweg verursacht worden sein sollen. Seit dem Mauerfall, vor vier Jahren, hatte die Bahn die Brücken an den Bezirk verpachtet. Wo einst der Todesstreifen verlief, nutzen heute Radfahrer und Spaziergänger die Strecke als grüne Verbindung zwischen den Stadtteilen. Ein DB-Sprecher erklärte, das Sand-Kies-Gemisch des Radwegs erschwere die Entwässerung und beschleunige die Korrosion. Die Verkehrssicherheit sei gefährdet.
Bezirke und Anwohner wehren sich gegen die Schließung
Die Reaktionen auf die angekündigte Sperrung sind scharf. „Diese Brücke ist gelebte Verbindung zwischen zwei Bezirken. Wer sie sperrt, trennt Wege, die für viele Menschen längst selbstverständlich sind“, sagte Pascal Striebel, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Die BVV sprach sich am Mittwochabend mit großer Mehrheit gegen die Schließung aus. Auch Claudia Leistner, Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung in Treptow-Köpenick, nannte eine Sperrung inakzeptabel. „Die Görlitzer Brücken müssen möglichst durchgehend zugänglich bleiben. Das Land Berlin sollte daher kurzfristig eine Zwischenlösung mit der Deutschen Bahn vereinbaren und parallel die Übernahme der Flächen prüfen“, forderte sie.
Pingpong zwischen Senat und Bezirken
Die Bahn signalisiert Gesprächsbereitschaft: Ein DB-Sprecher erklärte, das Unternehmen sei bereit, die Flächen kostenlos zu übereignen. Doch die Gespräche zur Übernahme der Brücken blieben bislang erfolglos, wie sowohl die Bahn als auch der Bezirk Treptow-Köpenick mitteilten. Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister hat sich bereits an Finanzsenator Stefan Evers und Verkehrssenatorin Ute Bonde (beide CDU) gewandt. „In dem sehr verdichteten Gebiet wird der Bevölkerung eine wichtige Fläche entzogen. Es muss dringend auf höchster Senatsebene Gespräche zum Erhalt der Zugänglichkeit der Flächen für die Bevölkerung geben“, forderte er. Beobachter sehen darin ein bewährtes Nicht-Erfolgsrezept Berlins: das Pingpong zwischen Senat und Bezirken.
Ein Stück Alltag unter den Brücken
Die Brücken sind nicht nur Verkehrsweg, sondern auch Ort der Begegnung. Seit 2005 steht Jimmy's Falafelstand auf der Alt-Treptower Seite, zwischen Spielplatz und Lohmühlen-Wagendorf. Auf kleinen, blauen Campinghockern sitzen Gäste und essen Halloumi-Falafel-Sandwiches. Auch eine breite, lange Kinderrutsche wäre von der Sperrung betroffen. „Wir wollen runter zu den Kirschblüten, hoffentlich blühen die noch“, erzählten zwei Spaziergänger auf Kreuzberger Seite. Sie überqueren regelmäßig die Brücke, um zum Dreiländereck zu gelangen. Auf die Frage, wie es wäre, wenn die Brücke gesperrt würde, rief eine Fahrradfahrerin im Vorbeifahren nur: „Scheiße!“
Offene Fragen und Zeitdruck
Bis zum 30. Juni bleibt wenig Zeit, um eine Lösung zu finden. Die Bahn wird die Flächen danach sperren. Die Bezirke sind sich einig, dass die Verbindung erhalten bleiben muss, doch die Zuständigkeiten sind unklar. Während der Senat in der Pflicht gesehen wird, fehlt es bislang an konkreten Zusagen. Die historischen Brücken, die unter Denkmalschutz stehen, sind Teil eines idyllischen Weges, der knapp einen Kilometer lang parallel zur Kiefholzstraße verläuft – fast wie im Wald. Ob dieser Weg erhalten bleibt, hängt nun von Verhandlungen ab, die auf höchster Ebene geführt werden müssen.
Ein Symbol für Berlins zerrissene Stadtplanung
Der Streit um die Görlitzer Brücken offenbart ein strukturelles Problem: In einer wachsenden Stadt mit knappen Grünflächen und überlasteten Verkehrswegen wird die Pflege historischer Infrastruktur zum politischen Tauziehen. Die Bahn als Eigentümerin will sich von denkmalgeschützten, aber sanierungsbedürftigen Bauwerken trennen, während die Bezirke die Mittel für Instandsetzung und Betrieb nicht aufbringen können. Der Fall steht exemplarisch für viele ähnliche Konflikte in Berlin, wo die Abstimmung zwischen Senat, Bezirken und Bundesunternehmen oft scheitert. Für die Anwohner bleibt die Hoffnung, dass die Kirschblüten in diesem Jahr noch erreichbar sind – und auch in den kommenden Jahren.
Das Wichtigste
- Die Deutsche Bahn kündigt den Pachtvertrag für die Görlitzer Brücken zum 30. Juni wegen Korrosionsschäden durch den Radweg.
- Beide Bezirke, Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick, lehnen die Sperrung ab und fordern den Senat zum Handeln auf.
- Die Bahn bietet eine kostenlose Übereignung der Flächen an, doch die Gespräche stocken.
- Anwohner und lokale Betriebe wie Jimmy's Falafelstand wären von der Sperrung direkt betroffen.
- Der Fall zeigt die mangelnde Koordination zwischen Senat, Bezirken und der Deutschen Bahn in Berlin.
- Eine Lösung bis zum 30. Juni ist ungewiss; die Brücken könnten für Jahre gesperrt bleiben.





