Wolfgang Kubicki: Der 74-jährige Ur-Liberale will die FDP retten – und sich selbst beweisen
Nach dem historischen Tief der Liberalen und einer persönlichen Entscheidung am Ostersonntag tritt der Vizeparteichef an, um die Partei vor dem Untergang zu bewahren.

GERMANY —
Die Fakten
- Wolfgang Kubicki (74) kandidiert für den FDP-Vorsitz.
- Die Entscheidung fiel am Ostersonntag 2025 nach tagelangem Zögern.
- Kubicki ist seit 56 Jahren Mitglied der FDP.
- Er tritt gegen Henning Höne (39) an, den FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen.
- Kubicki und seine Frau waren aus dem Bundestag ausgeschieden und hatten eine andere Lebensplanung.
- Friedrich Merz (CDU) erklärte die FDP für tot, was Kubicki zur Kandidatur provozierte.
- Christian Lindner spielt keine Rolle bei Kubickis Comeback, bleibt aber als Elder Statesman aktiv.
- Der neue Vorsitz wird zunächst für zwölf Monate gewählt.
Ein Ostersonntag, der alles veränderte
Wolfgang Kubicki, seit 56 Jahren Mitglied der Freien Demokratischen Partei, hatte seinen Frieden mit dem politischen Ruhestand gemacht. Der 74-jährige Strafverteidiger und langjährige Vizeparteichef war mit seiner Frau aus dem Bundestag ausgeschieden, die gemeinsame Lebensplanung sah Golf und Urlaub vor. Doch dann, am Ostersonntag 2025, traf er eine Entscheidung, die alles umwarf: Er würde für den Vorsitz der FDP kandidieren – in einer Phase, die er selbst als „nicht gerade verlockend“ beschreibt. Der Auslöser war eine Erklärung von Friedrich Merz, dem designierten Kanzler der Union, der die FDP für tot erklärte und ihre früheren Wähler aufforderte, sich „in das Reich der Union“ zu begeben. Kubicki, der sich zu diesem Zeitpunkt auf Mallorca aufhielt, spürte einen Impuls: „Du Eierarsch, dir werde ich das zeigen!“ Dieser Satz, so sagt er, habe alle verbliebenen Kräfte in ihm mobilisiert.
Die Rolle der Ehefrau und die Frage des Alters
Die Entscheidung fiel nicht leicht. Kubicki hatte nach der verlorenen Landtagswahl in Baden-Württemberg, die die FDP entgegen aller Erwartungen nicht gewann, eine Phase der Frustration durchlebt. Er brauchte mehrere Tage, um sich zu erholen. Nach der Niederlage in Rheinland-Pfalz war für ihn klar: Der Urlaub auf Mallorca würde das Ende seiner politischen Ambitionen bedeuten. Doch seine Frau, eine Strafverteidigerin, mit der er seit 28 Jahren verheiratet ist, erkannte das „Kribbeln“ in ihm. Sie sagte: „Wenn ich jetzt sagen würde, du machst es nicht, dann weiß ich, du machst es nicht. Aber dann wirst du, wenn die FDP jetzt wirklich politisch verschwindet, Zeit deines Lebens mit dir und mir rumlaufen und sagen, du hast nicht alles versucht.“ Diese Worte gaben den Ausschlag. Kubicki ist sich bewusst, dass er nicht die Zukunft der Partei sein kann – sein Alter macht das unmöglich. Dennoch will er nicht tatenlos zusehen, wie die Partei, der er seit 56 Jahren angehört, zugrunde geht. „Ich wollte ihr das Angebot machen, wir versuchen das jetzt noch mal mit aller Kraft“, sagt er.
Kein Einfluss von Christian Lindner – aber ein Elder Statesman
Anders als manche vermuten mögen, spielte der frühere Parteichef Christian Lindner bei Kubickis Comeback-Entscheidung keine Rolle. Die beiden haben zwar viel Kontakt, doch Lindner hat sich von parteipolitischer Einflussnahme zurückgezogen. Er wird jedoch als Hauptredner beim 80. Geburtstag der FDP Schleswig-Holstein auftreten – in der Rolle des Elder Statesman, Weltpolitikers und ehemaligen Finanzministers. Kubicki betont, Lindner sei „weg von der FDP als Partei, aber nicht von der Partei als solcher“.
Ein Gegenkandidat aus Nordrhein-Westfalen
Kubicki tritt gegen Henning Höne an, den 39-jährigen FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen. Höne ist deutlich jünger und könnte als Vertreter einer neuen Generation gelten. Kubicki hingegen setzt auf Erfahrung und den unbedingten Willen, die Partei zu retten. Er fürchtet den Tod nicht – und auch nicht seinen Gegenkandidaten. Die Wahl des neuen Vorsitzenden ist für Mai 2025 angesetzt, zunächst für eine Amtszeit von zwölf Monaten. Kubicki ist zuversichtlich: Wenn es ihm gelinge, die Partei bei drei Prozent zu stabilisieren, solle man ihn „von der Bühne reißen“ – allerdings in ärztliche Behandlung geben, fügt er augenzwinkernd hinzu.
Die Parallele zum gestrandeten Wal Timmy
In der deutschen Öffentlichkeit wird Kubickis Mission mit einer anderen Rettungsaktion verglichen: der des Buckelwals Timmy, der vor der Ostseeinsel Poel gestrandet war und nun mit einem Lastkahn in Sicherheit gebracht wird. Die Rettung des Wals und die der FDP – beide dauern gefühlt eine Ewigkeit. Kubicki, der in der Glosse als „Wolf im Wahlfischbecken“ bezeichnet wird, soll nun beide retten: den Wal und die Partei. Die Parallele ist bewusst überzeichnet, doch sie zeigt, wie sehr die Liberalen auf eine Führungsfigur angewiesen sind, die in der Lage ist, zwischen allen Stühlen zu sitzen – eine Eigenschaft, die Marion Gräfin Dönhoff den Liberalen einst zuschrieb.
Ein schmaler Grat zwischen Rettung und Untergang
Die FDP befindet sich in einer existenziellen Krise. Nach dem Scheitern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist die Partei auf Bundesebene auf historische Tiefststände gefallen. Kubicki, der sich selbst nicht überschätzt, weiß, dass sein Alter ein Hindernis ist. Doch er ist überzeugt, dass er der Partei eine Zukunft geben kann – zumindest für den Moment. Seine Frau hat ihm den Rücken gestärkt, und er ist bereit, alles zu geben. Die Frage ist, ob die Partei ihm folgen wird. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Ur-Liberale die FDP tatsächlich aus dem politischen Abgrund führen kann – oder ob die Rettung nur eine weitere Episode in der langen Geschichte des Niedergangs bleibt.
Das Wichtigste
- Wolfgang Kubicki (74) kandidiert für den FDP-Vorsitz, um die Partei vor dem Untergang zu retten.
- Die Entscheidung fiel am Ostersonntag, ausgelöst durch die Todeserklärung der FDP durch Friedrich Merz.
- Kubickis Frau gab den entscheidenden Anstoß, indem sie ihm riet, es zu versuchen, um spätere Reue zu vermeiden.
- Christian Lindner hat sich aus der Parteipolitik zurückgezogen, bleibt aber als Elder Statesman präsent.
- Der Gegenkandidat Henning Höne (39) steht für eine jüngere Generation, Kubicki für Erfahrung und Beharrlichkeit.
- Die Wahl des Vorsitzenden erfolgt für zunächst zwölf Monate; Kubicki will die Partei bei drei Prozent stabilisieren.






