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Thyssenkrupp legt Stahlverkauf an Jindal auf Eis – Sanierung aus eigener Kraft

Der Essener Konzern bricht die Verhandlungen mit dem indischen Familienunternehmen ab und setzt auf eine eigenständige Zukunft der Stahlsparte, gestützt auf bessere Marktbedingungen und EU-Schutzsignale.

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Thyssenkrupp legt Stahlverkauf an Jindal auf Eis – Sanierung aus eigener Kraft
Der Essener Konzern bricht die Verhandlungen mit dem indischen Familienunternehmen ab und setzt auf eine eigenständige ZCredit · Spiegel

Die Fakten

  • Thyssenkrupp und Jindal Steel International haben die seit September 2025 laufenden Gespräche über einen Verkauf der Stahlsparte pausiert.
  • Konzernchef Miguel López betont, die Voraussetzungen für eine profitable Fortführung von Thyssenkrupp Steel seien so gut wie lange nicht mehr.
  • Die EU habe die Bedeutung der Stahlproduktion für die Resilienz industrieller Wertschöpfungsketten erkannt und will die Branche vor globalen Überkapazitäten und Dumping schützen.
  • Im Zuge der Sanierung sollen bis zu 11.000 der rund 26.000 Stellen der Sparte gestrichen oder ausgelagert werden.
  • Jindal hatte im September 2025 ein unverbindliches Übernahmeangebot vorgelegt, das auf eine Mehrheitsbeteiligung abzielte.
  • Die IG Metall fordert von López einen klaren Schnitt ohne Hintertür und Gespräche über eine Verselbstständigung aus eigener Kraft.
  • Milliardenschwere Pensionsverpflichtungen belasten die Stahlsparte und waren ein Hindernis in den Verhandlungen.

Überraschende Kehrtwende in Essen

Thyssenkrupp hat die seit September 2025 laufenden Verhandlungen über den Verkauf seiner Stahlsparte an den indischen Konzern Jindal Steel International überraschend auf Eis gelegt. Beide Unternehmen teilten am Samstag mit, die Gespräche zu pausieren. Stattdessen will der Essener Industriekonzern die Sparte nun aus eigener Kraft sanieren und für den Kapitalmarkt attraktiv machen. Die Entscheidung kommt nur wenige Monate, nachdem Jindal ein unverbindliches Angebot für die mehrheitliche Übernahme von Thyssenkrupp Steel Europe vorgelegt hatte. Das für Firmenübernahmen zuständige Vorstandsmitglied Volkmar Dinstuhl hatte noch am 9. Dezember von einem Angebot gesprochen, das auf eine Mehrheitsbeteiligung abziele.

Bessere Rahmenbedingungen und Sanierungsfortschritte als Treiber

Als Gründe für den Abbruch der Gespräche nannte Thyssenkrupp zum einen die verbesserten Rahmenbedingungen für Stahlhersteller in Europa. Die EU habe die große Bedeutung der Stahlproduktion für die Resilienz industrieller Wertschöpfungsketten erkannt und den Willen bekundet, die europäische Stahlindustrie besser vor globalen Überkapazitäten und Dumping zu schützen. Zudem wolle die EU die Umstellung auf eine klimafreundliche Stahlproduktion weiter stärken. Zum anderen verwies der Konzern auf die Fortschritte bei der Sanierung der Sparte. „Die ursprünglichen Grundannahmen und Voraussetzungen für eine mögliche Veräußerung von Thyssenkrupp Steel haben sich in den vergangenen Monaten deutlich geändert“, hieß es in einer Mitteilung. Die Sparte biete nun ein „erhebliches verbessertes Stabilisierungs- und Aufwärtspotenzial“.

López: „Stahl ist Zukunft“ – und kein Schnäppchen

Konzernchef Miguel López unterstrich in einem Statement: „Wir haben immer gesagt: Stahl ist Zukunft. Und ein zukunftsfähiges Geschäft ist ein werthaltiges Geschäft.“ Bereits in einem SPIEGEL-Gespräch in der Vorwoche hatte López in drastischen Worten klargemacht, dass er die Stahlsparte nicht „verramschen“ werde. Nun bilanzierte er: „Nachdem wir uns im eigenen Unternehmen, mit den Tarifpartnern und mit der Politik in Deutschland und Europa im Grundsatz geeinigt haben, sind die Voraussetzungen für eine profitable Fortführung von Thyssenkrupp Steel so gut wie lange nicht mehr.“ López betonte, dass eine erfolgreiche Neuausrichtung die Sparte für den Kapitalmarkt und Investoren attraktiver mache. Mittelfristig bleibe eine Verselbstständigung von Thyssenkrupp Steel Europe mit einer eventuellen Minderheitsbeteiligung der Thyssenkrupp AG das erklärte Ziel.

Jindal als konstruktiver Partner – aber Pensionslasten als Hürde

Jindal sei während der gesamten Gespräche ein konstruktiver und engagierter Partner gewesen, so Thyssenkrupp. Man habe jedoch gemeinsam beschlossen, die Verhandlungen vorerst auszusetzen. Jindal-Manager Narendra Misra betonte, beide Unternehmen blieben „freundschaftlich verbunden“. Insider hatten zuvor der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, die Gespräche könnten scheitern – unter anderem wegen milliardenschwerer Pensionsverpflichtungen, die auf der Sparte lasten. Das Stahlgeschäft ist der frühere Kern des Ruhrkonzerns. In der Vergangenheit waren Versuche zu einem Verkauf, einem Joint Venture oder einem Börsengang gescheitert. López selbst hatte erst vor Wochen gesagt: „Jetzt machen wir den Stahl fit für die Zukunft – ob mit oder ohne Jindal.“

IG Metall fordert klaren Schnitt – Stellenabbau bereits beschlossen

Die IG Metall forderte López zu einem klaren Schnitt ohne Hintertür auf. Die Gewerkschaft verlangte Gespräche mit dem Management, „um eine tragfähige Lösung für eine Verselbstständigung des Stahlbereichs aus eigener Kraft zu entwickeln“. Bereits klar ist, dass zur Sanierung des Geschäfts in den kommenden Jahren bis zu 11.000 der rund 26.000 Stellen der Sparte gestrichen oder ausgelagert werden sollen. Im operativen Geschäft hatte die Sparte zuletzt zugelegt. Die Neuausrichtung soll nun konsequent vorangetrieben werden, um den Stahlbereich erfolgreich und profitabel aufzustellen. Die EU erwägt zudem Schutzmaßnahmen gegen Billig-Exporte aus China, was die Perspektiven weiter verbessern könnte.

Ausblick: Eigenständigkeit als Weg in die Zukunft

Mit dem Stopp der Jindal-Gespräche setzt Thyssenkrupp nun voll auf die Sanierung aus eigener Kraft. Der Konzern will die Sparte investorenfit machen und mittelfristig eine Verselbstständigung erreichen, möglicherweise mit einer Minderheitsbeteiligung der Muttergesellschaft. Die verbesserten Rahmenbedingungen in Europa und die Fortschritte bei der Restrukturierung geben López Rückenwind. Ob die Sparte tatsächlich ohne externen Partner profitabel wird, bleibt abzuwarten. Die hohen Pensionsverpflichtungen und der geplante Stellenabbau sind erhebliche Belastungen. López hat jedoch klargemacht, dass er keine Schnäppchenverkäufe akzeptieren wird – und die Zeit für eine eigenständige Lösung scheint günstig wie nie.

Das Wichtigste

  • Thyssenkrupp bricht die Verkaufsverhandlungen mit Jindal ab und setzt auf eine eigenständige Sanierung der Stahlsparte.
  • Bessere EU-Rahmenbedingungen und Fortschritte bei der Restrukturierung sind die Hauptgründe für die Kehrtwende.
  • Konzernchef López betont, die Sparte nicht unter Wert verkaufen zu wollen, und sieht die Voraussetzungen für eine profitable Zukunft als so gut wie lange nicht.
  • Bis zu 11.000 der 26.000 Stellen in der Stahlsparte sollen gestrichen oder ausgelagert werden.
  • Die IG Metall fordert einen klaren Schnitt und Gespräche über eine Verselbstständigung aus eigener Kraft.
  • Milliardenschwere Pensionsverpflichtungen bleiben eine große Hürde für die Sparte.
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