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Kasachstan: Österreichs neue Energiehoffnung in der Steppe

Außenministerin Meinl-Reisinger und Innenminister Karner reisen mit 30 Wirtschaftsvertretern nach Astana, um die Abhängigkeit von russischem Öl zu reduzieren.

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Kasachstan: Österreichs neue Energiehoffnung in der Steppe
Außenministerin Meinl-Reisinger und Innenminister Karner reisen mit 30 Wirtschaftsvertretern nach Astana, um die AbhängiCredit · ORF ON

Die Fakten

  • Kasachstan liefert knapp 60 Prozent des nach Österreich importierten Erdöls.
  • Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern betrug 2023 2,8 Milliarden Euro.
  • 400 österreichische Firmen sind in Kasachstan aktiv.
  • Die kasachische Wirtschaft wuchs 2023 um 6,5 Prozent.
  • Kasachstan ist 2,7 Millionen Quadratkilometer groß, 32 Mal so groß wie Österreich.
  • Der letzte Besuch eines österreichischen Außenministers in Kasachstan war 2010 (Michael Spindelegger).
  • 15 Prozent der kasachischen Bevölkerung sind ethnische Russen.

Eine ungewöhnliche Delegation in Astana

Zwei österreichische Minister reisen gemeinsam nach Zentralasien – das hat es in Kasachstan noch nie gegeben. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) und Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) führen seit Dienstag eine Delegation in die Hauptstadt Astana, zu der auch Vertreter der Wirtschaftskammer, der Industriellenvereinigung und Manager von 30 Spitzenunternehmen gehören – darunter Andritz Hydro, Siemens Health Care Diagnostics, Rosenbauer, ILF und der Flughafen Wien. Der kasachische Außenminister Jermek Koscherbajew zeigte sich sichtlich angetan von dem „neuen Format“. Die gemeinsame Reise unterstreiche, wie sehr Österreich die Beziehungen zu dem rohstoffreichen Land vertiefen wolle. Ein erklärtes Ziel ist die Einrichtung eines Direktflugs von Wien nach Astana.

Öl als verbindendes Element

Kasachstan ist längst zum wichtigsten Energielieferanten Österreichs geworden. Knapp 60 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdöls stammen aus der zentralasiatischen Republik – ein Anteil, der nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und den jüngsten Spannungen im Iran weiter gestiegen ist. „Die Weltlage spitzt sich zu Lasten Europas zu“, sagte Meinl-Reisinger. Die österreichische Bundesregierung habe ihre Bemühungen intensiviert, neue Partnerschaften zu knüpfen. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern erreichte im Vorjahr 2,8 Milliarden Euro. 400 österreichische Firmen sind bereits in Kasachstan aktiv, doch das Potenzial sei größer. Das Land wolle diversifizieren und verstärkt in Umwelttechnologie investieren, berichtete die Außenministerin nach ersten Gesprächen. Die Dynamik und der Wille zur Modernisierung seien spürbar.

Türöffner für die Wirtschaft

Meinl-Reisinger und Karner verstehen sich als „Türöffner“ für österreichische Unternehmen. Denn ohne Wohlwollen von höchsten staatlichen Stellen laufe in Kasachstan wenig, wie beide betonten. „Manchmal kann auch die Wirtschaft für mehr Sicherheit ein Türöffner sein“, sagte Karner. Die Delegation umfasst neben Industriemanagern auch Sonja Wehsely, die frühere Wiener SPÖ-Stadträtin, die heute Siemens Health Care Diagnostics in der Region vertritt. Die österreichischen Regierungsmitglieder sollen den Firmen den Zugang zu Entscheidungsträgern erleichtern und langfristige Geschäftsbeziehungen anbahnen.

Ein heikler Balanceakt zwischen Russland und China

Kasachstan steht vor der Herausforderung, seine Beziehungen zu den beiden großen Nachbarn Russland und China auszutarieren. 15 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Russen, die vor allem im Norden an der Grenze zu Russland leben. In der Moskauer Duma gibt es immer wieder Stimmen, die eine Annexion dieser Gebiete fordern. Als Gegengewicht sucht Kasachstan die Annäherung an Europa. Der sogenannte „Mittlere Korridor“ – ein Transportweg über Schiene, Straße und Schiff, der Russland umgeht – soll die Verbindung nach Westen stärken. Doch der Korridor ist kompliziert: Er durchquert mehrere Länder mit unterschiedlichen Spurweiten, was ihn langsam und teuer macht. Zudem sträuben sich Russland und Iran gegen neue Pipelines am Grund des Kaspischen Meeres.

Reformen unter Präsident Tokajew

Seit Qassym-Schomart Tokajew vor sieben Jahren die Führung übernahm, hat das Land wirtschaftliche Reformen umgesetzt und sich geöffnet. Zwar gibt der Präsident weiterhin die Richtung vor, und das Parlament hat wenig mitzureden, doch der Reformschwung lockt Investoren aus China, den USA und Europa. Die Modernisierung zeigt sich nirgendwo deutlicher als in der Hauptstadt Astana, die vor drei Jahrzehnten aus dem Boden gestampft wurde. Heute leben 1,5 Millionen Menschen in der Stadt mit ihren glitzernden Hochhäusern und monumentalen Bauten. „Kasachstan will hoch hinaus“, sagte ein Beobachter.

Ausblick: Van der Bellen eingeladen

Die Kasachen haben Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu einem Besuch eingeladen, ein Termin steht jedoch noch nicht fest. Die Gespräche in Astana sollen die Grundlage für eine vertiefte Zusammenarbeit legen. Meinl-Reisinger betonte, dass beide Länder ein gemeinsames Interesse an der Aufrechterhaltung des Völkerrechts und der regelbasierten Weltordnung hätten. Doch die geopolitische Lage bleibt angespannt. Ende des Monats wird Russlands Präsident Wladimir Putin in Astana erwartet – ein Zeichen dafür, dass Kasachstan weiterhin auf allen Hochzeiten tanzen muss.

Das Wichtigste

  • Österreich bezieht fast 60 % seines Erdöls aus Kasachstan, das damit zum wichtigsten Energielieferanten wurde.
  • Eine gemeinsame Reise von Außen- und Innenminister mit 30 Wirtschaftsvertretern unterstreicht die strategische Bedeutung des Landes.
  • Kasachstan balanciert zwischen Russland und China und sucht Europa als Gegengewicht.
  • Der „Mittlere Korridor“ als Russland-Umgehung ist noch nicht effizient genug, um die Abhängigkeit von russischen Transitwegen zu ersetzen.
  • 400 österreichische Firmen sind in Kasachstan aktiv, das Handelsvolumen beträgt 2,8 Milliarden Euro.
  • Präsident Tokajew hat Reformen eingeleitet, aber das politische System bleibt autoritär.
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