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Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ORF-Kritikerin und ihren Anwalt wegen Erpressungsverdachts

Die Causa Weißmann eskaliert: Die Betroffene und ihr Rechtsvertreter stehen nun selbst im Fokus der Justiz, während der ORF-Stiftungsrat Einsicht in mehrere Compliance-Berichte nimmt.

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Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ORF-Kritikerin und ihren Anwalt wegen Erpressungsverdachts
Die Causa Weißmann eskaliert: Die Betroffene und ihr Rechtsvertreter stehen nun selbst im Fokus der Justiz, während der Credit · Der Standard

Die Fakten

  • Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen die Frau, die Roland Weißmann Fehlverhalten vorwirft, und deren Anwalt wegen Verdachts auf schwere Erpressung und Missbrauch von Tonaufnahmen.
  • Weißmann hatte Strafanzeige erstattet; die Staatsanwaltschaft beantragte die Beschaffung des Compliance-Materials.
  • Der Compliance-Bericht zu Weißmann entlastet ihn demnach: Keine sexuelle Belästigung im arbeitsrechtlichen Sinn, die Betroffene habe den Kontakt mehrfach gesucht.
  • Peter Schöber, ORF-III-Chef, klagt gegen die Einsichtnahme in seinen Compliance-Bericht; FPÖ und Grüne fordern seinen Rücktritt.
  • Mehrere Redakteure des ORF-Landesstudios NÖ protestieren gegen die Herausgabe des Berichts zur Causa Robert Ziegler und befürchten einen Vertrauensbruch.
  • ORF-Stiftungsrat Leonhard Dobusch empfiehlt eine Sachverhaltsdarstellung wegen mutmaßlicher Untreue und Bilanzfälschung im Fall des Pensionsvertrags von Pius Strobl.
  • Peter Westenthaler (FPÖ) spricht nach Einsicht in den Schöber-Bericht von ‚Sodom und Gomorra‘ und fordert Konsequenzen.

Ermittlungen gegen die Beschuldigerin

Die Staatsanwaltschaft Wien hat ein Ermittlungsverfahren gegen jene Frau eingeleitet, die dem früheren ORF-Chef Roland Weißmann Fehlverhalten vorgeworfen hatte, sowie gegen deren Anwalt. Der Vorwurf: schwere Erpressung und Missbrauch von Tonaufnahmen. Weißmann selbst hatte zuvor Strafanzeige erstattet. Die Behörde beantragte zudem die Beschaffung des Compliance-Materials, wie das Magazin Profil berichtete. Es gilt die Unschuldsvermutung. Parallel dazu liegen dem ORF-Stiftungsrat seit Donnerstag die Compliance-Berichte zu den Causen Weißmann, Peter Schöber und Robert Ziegler sowie der Pensionsvertrag von Pius Strobl vor. Die Einsichtnahme war auf Betreiben von Peter Westenthaler (FPÖ) in der Stiftungsratssitzung der Vorwoche beschlossen worden. Westenthaler hatte argumentiert, wenn im Fall Weißmann ein Fehlverhalten vorliege, müsse dies auch für die anderen Führungskräfte geprüft werden.

Weißmann-Bericht entlastet Ex-Chef

Aus dem Compliance-Bericht zu Roland Weißmann sickerten erste Details durch. Demnach wird Weißmann durch den Bericht entlastet; die Compliance-Kommission war zur Conclusio gekommen, dass keine sexuelle Belästigung im arbeitsrechtlichen Sinn vorliege. Der Bericht zeichnet ein anderes Bild der Beziehung: Weißmann habe den Kontakt zur Betroffenen mehrfach abgebrochen, diese jedoch immer wieder aufgenommen und die Nähe gesucht. Ein zentraler Satz, der aus Stiftungsratskreisen zitiert wird, lautet: Sie habe ihn „mehrfach sexuell gereizt“. Laut Bericht habe es mehrere Treffen gegeben, während die Betroffene über ihren Anwalt nur von zwei Treffen berichtet hatte. Das von der Betroffenen vorgelegte Material sei lückenhaft, so der Bericht. Auch habe ihr Anwalt die Kommunikation mit der Compliance-Stelle zwei Wochen lang verweigert. Manches sei nicht oder erst auf Nachfrage vorgelegt worden. Der Anwalt der Betroffenen ließ eine Anfrage der Presse unbeantwortet; stattdessen teilte er mit, dass er sich nun selbst durch Alexander Prenner anwaltlich vertreten lasse. Auch Prenner reagierte nicht.

Schöber-Bericht: „Sodom und Gomorra“

Der Compliance-Bericht zu Peter Schöber, dem Geschäftsführer von ORF III, sorgt für Aufsehen. Peter Westenthaler, der Einsicht nahm, hielt fest: „Sodom und Gomorra ist nichts dagegen.“ In Schöbers Fall sei „objektiviertes Fehlverhalten dokumentiert“, dennoch sei er noch im Unternehmen. Der Bericht aus dem Jahr 2024/25 behandelt mutmaßliches Mobbing, Bossing und redaktionelle Einflussnahme. Rund 60 Mitarbeiter hatten damals vor der Compliance-Kommission ausgesagt. Ein Conclusio des Berichts wurde den Betroffenen bis heute nicht mitgeteilt. Schöber selbst wehrt sich gegen die Einsichtnahme und hat den ORF verklagt. Er sieht sich als entlastet, wie eine prominente ORF-Führungskraft berichtet. Allerdings existiert der Bericht nur in ausgedruckter Form, die in Weißmanns Schublade verschwand. Die neue Generaldirektorin Ingrid Thurnher habe nun ebenfalls einen Ausdruck erhalten. Schöber selbst kenne die Inhalte nicht, heißt es. FPÖ-Mediensprecher Christian Hafenecker forderte „volle Transparenz“, Grünen-Mediensprecherin Sigrid Maurer meinte, Schöber hätte „schon längst den Sessel räumen müssen“.

Widerstand im Landesstudio NÖ

Auch der Compliance-Bericht zur Causa Robert Ziegler sorgt für Konflikt. Ziegler, ehemaliger ORF-Landesdirektor in Niederösterreich, hatte wegen Vorwürfen mangelnder professioneller Distanz zu ÖVP-Politikern seinen Posten aufgeben müssen. Nun wehren sich mehrere Redakteure des Landesstudios in einem Schreiben an ORF-Chefin Ingrid Thurnher gegen die Veröffentlichung des Untersuchungsberichts. Sie sehen darin einen „massiven Vertrauensbruch“, da den damals aussagenden Personen absolute Anonymität zugesichert worden sei. Wäre damals klar gewesen, dass Stiftungsräte Einsicht erhalten, hätten viele auf ihre Aussage verzichtet, heißt es. Der ORF betonte in einem Statement, dass der Schutz der Vertraulichkeit und Anonymität aller Auskunftspersonen oberste Maßgabe sei. Die Berichte würden nur nach sorgfältiger rechtlicher Prüfung in anonymisierter und geschwärzter Form in einem gesicherten Raum aufgelegt. Die Einsichtnahme werde beaufsichtigt und dokumentiert. Laut Standard wurde Zieglers Bericht vorerst nicht aufgelegt.

Strobls Pensionsvertrag unter Beobachtung

Ein weiterer Fall betrifft den umstrittenen Pensionsvertrag von Pius Strobl, der unter Ex-Generaldirektor Alexander Wrabetz paktiert wurde. ORF-Stiftungsrat Leonhard Dobusch empfahl nach Durchsicht der Unterlagen, eine Sachverhaltsdarstellung wegen mutmaßlicher Untreue und Bilanzfälschung einzubringen. Auch Peter Westenthaler sieht hier Ermittlungsbedarf. Strobl selbst sitzt ironischerweise als Abteilungsleiter in der Abteilung Human Broadcasting, in der auch Robert Ziegler nach seinem Rücktritt als Landesdirektor unterkam. Mehrere Stiftungsräte haben bereits Einsicht in die Berichte genommen. Westenthaler sprach nach der Lektüre von „Gefahr in Verzug“ und forderte Thurnher zum sofortigen Handeln auf. Dobusch machte mit Verweis auf die Vertraulichkeit keine näheren Angaben.

Offene Fragen und politischer Druck

Die Causa wirft weiterhin viele Fragen auf: Wie wird die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Betroffene und ihren Anwalt führen? Wird der Compliance-Bericht zu Schöber letztlich veröffentlicht? Und welche Konsequenzen zieht die neue Generaldirektorin Ingrid Thurnher aus den Erkenntnissen? Der politische Druck ist hoch: FPÖ und Grüne fordern Transparenz und personelle Konsequenzen. Westenthaler machte deutlich, dass die Latte für eine Kündigung seit Thurnher bei Weißmann liege – und damit auch Schöber und Ziegler gehen müssten. Der ORF steht vor einer Bewährungsprobe. Die Einsichtnahme in die Berichte ist ein erster Schritt, doch die Widerstände sind groß. Ob die Aufklärung gelingt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Das Wichtigste

  • Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen die Frau, die Roland Weißmann belastet, und ihren Anwalt wegen schwerer Erpressung und Missbrauchs von Tonaufnahmen.
  • Der Compliance-Bericht zu Weißmann entlastet ihn weitgehend und stellt die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in Frage.
  • ORF-III-Chef Peter Schöber klagt gegen die Einsicht in seinen Compliance-Bericht, der massives Fehlverhalten dokumentieren soll.
  • Redakteure des ORF-Landesstudios NÖ protestieren gegen die Herausgabe des Berichts zur Causa Ziegler aus Sorge um die Anonymität der Aussagenden.
  • Der Pensionsvertrag von Pius Strobl steht im Verdacht der Untreue und Bilanzfälschung; Stiftungsräte fordern eine Sachverhaltsdarstellung.
  • Die neue ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher steht unter Druck, aus den Berichten Konsequenzen zu ziehen.
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