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Drei Jahre Deutschlandticket: 14,6 Millionen Nutzer, zwei Preiserhöhungen und ein Streit um die Zukunft

Das bundesweite Nahverkehrs-Abo hat sich etabliert, doch Kommunen und Verbände fordern einen Ausbau des Angebots, während die Politik über die Finanzierung streitet.

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Drei Jahre Deutschlandticket: 14,6 Millionen Nutzer, zwei Preiserhöhungen und ein Streit um die Zukunft
Das bundesweite Nahverkehrs-Abo hat sich etabliert, doch Kommunen und Verbände fordern einen Ausbau des Angebots, währenCredit · taz.de

Die Fakten

  • Einführung am 1. Mai 2023 für 49 Euro monatlich.
  • Aktuell 14,6 Millionen Abonnenten (Stand Ende 2025).
  • Preiserhöhungen auf 58 Euro (2024) und 63 Euro (2025).
  • Nur 5 Prozent der Nutzer sind Systemeinsteiger, die zuvor nie Bus oder Bahn nutzten.
  • NRW-Verkehrsminister Krischer (Grüne) fordert Einfrieren des Preises bis 2027.
  • Saarländische Verkehrsministerin Berg (SPD) warnt vor Kürzungen im ÖPNV zugunsten von Tankrabatten.
  • Pro Bahn-Ehrenvorsitzender Neuß verlangt Aussetzung der indexbasierten Erhöhung für 2027/2028.

Eine Tarifrevolution mit Wachstum

Am 1. Mai 2023 startete das Deutschlandticket als Nachfolger des 9-Euro-Tickets und ermöglicht seitdem die bundesweite Nutzung des Nah- und Regionalverkehrs für einen monatlichen Festpreis. Der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) bezeichnet es als „die größte Tarifrevolution im öffentlichen Personennahverkehr“. Die Zahl der Abonnenten stieg kontinuierlich: von gut 11 Millionen Anfang 2024 über 13,5 Millionen Anfang 2025 auf aktuell rund 14,6 Millionen.

Zwei Preiserhöhungen in drei Jahren

Der ursprüngliche Preis von 49 Euro wurde zum Januar 2024 auf 58 Euro angehoben, ein Jahr später folgte die zweite Erhöhung auf 63 Euro. Begründet wurden die Schritte mit gestiegenen Kosten der Verkehrsverbünde für Personal, Energie und Betrieb sowie mit Einnahmeausfällen, da das günstige Ticket viele regionale Abos ersetzte. Dennoch blieb die Nachfrage stabil: Nur wenige Kunden kündigten wegen der Preisanpassungen.

Politische Debatte um Preisstabilität

Angesichts der Energiekrise und steigender Spritpreise schlägt der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) vor, den Ticketpreis von 63 Euro einzufrieren und eine weitere Erhöhung zum 1. Januar 2027 zu verhindern. „Ein stabiler Preis für das Deutschlandticket wäre das richtige Signal in dieser Zeit“, sagte Krischer. Er kritisiert, dass der Staat Milliarden für Tankrabatte und die Senkung der Luftverkehrsteuer mobilisiert, während der Nahverkehr nicht vernachlässigt werden dürfe.

Forderungen von Verbänden und Ländern

Detlef Neuß, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, fordert, die indexbasierte Preisanpassung für 2027 und 2028 auszusetzen. Die benötigten Finanzmittel seien geringer als die 1,6 Milliarden Euro für den Tankrabatt. Die saarländische Verkehrsministerin Petra Berg (SPD) warnte vor einer Schieflage: „Wir sollten nicht eine Situation riskieren, in der der Staat Benzin subventioniert, wir aber Bus und Bahn zusammenstreichen müssen.“

Wenige Neukunden, aber mehr Nutzung

Eine Studie des Kopernikus-Projekts Ariadne ergab, dass nur knapp fünf Prozent der Deutschlandticket-Inhaber sogenannte Systemeinsteiger sind – also Menschen, die vor dem Ticket gar nicht mit Bus oder Bahn fuhren. Knapp die Hälfte der Nutzer hatte den Nahverkehr zuvor zwar genutzt, aber nur selten. Das Ticket hat also vor allem Gelegenheitsfahrer zu regelmäßigeren Kunden gemacht.

Ausbau des Angebots gefordert

Kommunen und Verbände fordern parallel zur Preisfrage einen Ausbau des Nah- und Regionalverkehrs, um das Ticket attraktiver zu machen und mehr Menschen zum Umstieg zu bewegen. Die Allianz pro Schiene lobt das Ticket als „aus dem Alltag von Millionen Menschen nicht mehr wegzudenken“, betont aber den Nachholbedarf bei Taktung und Streckennetz.

Ungewisse Zukunft der Finanzierung

Bislang wird die Finanzierung des Deutschlandtickets durch Bund und Länder getragen, die sich die Kosten teilen. Ab 2027 sollen Preiserhöhungen nicht mehr politisch, sondern anhand eines neuen Preisindex berechnet werden. Ob die aktuellen Forderungen nach einem Einfrieren Gehör finden, hängt von den Haushaltsverhandlungen ab. Der VDV warnt, dass ohne ausreichende Mittel die Qualität des Angebots leiden könnte.

Das Wichtigste

  • Das Deutschlandticket hat sich mit 14,6 Millionen Nutzern als Massenprodukt etabliert, aber nur wenige echte Neukunden gewonnen.
  • Zwei Preiserhöhungen auf 63 Euro haben die Nachfrage kaum gedämpft, aber die politische Debatte um Bezahlbarkeit verschärft.
  • Politiker und Verbände fordern ein Einfrieren des Preises, um den Nahverkehr in der Energiekrise zu stärken.
  • Die indexbasierte Preisanpassung ab 2027 ist umstritten; Gegner verweisen auf die Milliarden für Tankrabatte.
  • Ein Ausbau des Nahverkehrsangebots gilt als notwendig, um das Ticket langfristig attraktiv zu halten.
  • Die Finanzierung bleibt ungeklärt: Bund und Länder müssen sich über die künftige Kostenverteilung einigen.
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