85 Prozent der Feiertage sind christlich – passt das noch zu Österreich?
Am 1. Mai beginnt die Feiertagssaison, doch die Zusammensetzung des Kalenders wirft Fragen auf: In einem Land mit sinkender Kirchenbindung sind elf von 13 gesetzlichen Ruhetagen christlich.
AUSTRIA —
Die Fakten
- Österreich hat 13 bundesweite gesetzliche Feiertage, elf davon christlich.
- Der Anteil der Katholiken liegt seit 2024 unter 50 Prozent der Bevölkerung.
- Nur der 1. Mai (Staatsfeiertag) und der 26. Oktober (Nationalfeiertag) sind säkular.
- Laut Mikrozensus 2021 bezeichnen sich rund 68 Prozent der Bevölkerung als christlich.
- Das Konkordat von 1934 schützt die Rechte der katholischen Kirche, legt aber nicht alle Feiertage fest.
- In den 1950ern wurde der katholische Feiertag Peter und Paul (29. Juni) gestrichen.
- Die SPÖ begeht den Tag der Arbeit 2026 mit Selbstbewusstsein und will davon profitieren.
- Ex-ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin schlug 2014 vor, den 1. Mai abzuschaffen.
Ein Feiertagskalender im Widerspruch zur Gesellschaft
Am Freitag ist der 1. Mai, der den Auftakt zur inoffiziellen Feiertagssaison bildet: Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam – in den nächsten sechs Wochen hat Österreich häufig frei. Das Land liegt mit 13 bundesweiten gesetzlichen Feiertagen leicht über dem EU-Schnitt von zwölf. Doch die Zusammensetzung des Kalenders irritiert zunehmend: Elf der 13 Feiertage sind christlich, zwei davon – Fronleichnam und Mariä Empfängnis – sogar rein katholisch. Neben dem 1. Mai, dem Staatsfeiertag, ist nur der Nationalfeiertag am 26. Oktober säkularer Natur. Dies in einem Land, in dem der Anteil der Kirchenmitglieder bei rund 60 Prozent liegt, wenn man Katholiken, Orthodoxe und Evangelische zusammenzählt. Seit 2024 machen Katholiken erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung aus.
Die Macht der Feiertage: Gemeinschaftsstiftung oder Relikt?
Ein Feiertag ist eine enorm mächtige politische Maßnahme, die nahezu jede und jeden betrifft. Die Wirtschaft kommt er teuer zu stehen, und der Anlass erzählt stets eine Geschichte über die jeweilige Gesellschaft. Die Sowjetunion ließ die Oktoberrevolution feiern, Hitler seinen Geburtstag. Deutschland begeht die Wiedervereinigung, die USA ihre Unabhängigkeit. Ein gesetzlicher Ruhetag schützt vermeintlich gemeinsame Anliegen, lässt gedenken, feiern oder beides. In einer zunehmend diversen Gesellschaft täte Österreich gut daran, die gemeinsamen Feieranlässe zu hinterfragen. Arbeitsrechte am 1. Mai, Neutralität am 26. Oktober – das sei schön und gut, aber reiche das an gemeinsamen Werten? Es gibt Alternativen: den 1. Oktober als Tag der ersten Bundesverfassung von 1920, den 27. April als Jahrestag der Befreiung vom NS-Regime 1945 oder den 12. Februar zum Gedenken an den Aufstand gegen das austrofaschistische Regime 1934. Alles Anlässe, die die Wahrung der Demokratie betonen – bis heute keine Selbstverständlichkeit.
Politische Debatten um den 1. Mai: Von Abschaffung bis Selbstbewusstsein
Die SPÖ begeht den Tag der Arbeit 2026 mit viel Selbstbewusstsein und will davon profitieren. Auch andere Parteien versuchen, den Feiertag für sich zu nutzen. Ex-ÖVP-Familienministerin Sophie Karmasin sorgte 2014 für Aufsehen, als sie vorschlug, den 1. Mai abzuschaffen: „Der Tag der Arbeit ist ein gutes Relikt aus der Vergangenheit“, sagte sie damals. Der Vorschlag stieß auf breite Ablehnung. Die Diskussion um die Abschaffung oder Umwidmung von Feiertagen ist nicht neu. In den 1950ern wurde der katholische Feiertag Peter und Paul (29. Juni) aus dem Kalender gestrichen – ein Beleg dafür, dass Änderungen möglich sind.
Das Konkordat als Hürde für Reformen?
Gerne wird bei Veränderungen mit dem Konkordat argumentiert, jenem völkerrechtlichen Vertrag zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl von 1934, der die Rechte der katholischen Kirche schützt. Doch nicht alle für die katholische Kirche wichtigen Tage sind darin festgelegt: Oster- und Pfingstmontag sowie der Stefanitag am 26. Dezember schreibt das Konkordat nicht vor. Ein Tausch wäre also rechtens. Die Geschichte zeigt, dass auch der Papst mit sich reden lässt. In den 1950ern wurde Peter und Paul gestrichen. Somit stünde einer Neuordnung des Feiertagskalenders rechtlich nichts im Wege – zumindest was die nicht konkordatär geschützten Tage betrifft.
Alternative Feiertage: Frauenrechte, Kinder oder Demokratiegeschichte
Will man weniger Fokus auf die österreichische Geschichte legen, wären auch der 8. März (Frauentag) oder der 1. Juni (Weltkindertag) würdige Feiertage. Bei solchen Anlässen könnte das gemeinsame Innehalten dazu genutzt werden, über Werte nachzudenken, auf die man sich einigen sollte. Bei Frauenrechten und Kindererziehung gibt es kulturell unterschiedliche Zugänge. Ein Feiertag ist letztlich ein Tag der Gemeinschaft: Familie, Bekanntenkreis, der Ort haben gleichzeitig frei. Alle machen etwas Ähnliches, und wenn es nur zu Hause bleiben ist. Dieses Gefühl der Verbundenheit macht Feiertage zu einem mächtigen Instrument. Es sei an der Zeit, sich zu überlegen, wofür Österreich dieses einsetzt.
Ausblick: Die Zukunft des Feiertagskalenders
Die Debatte um die Zusammensetzung der Feiertage wird anhalten, solange die Gesellschaft diverser wird und die Kirchenbindung sinkt. Der 1. Mai als Tag der Arbeit bleibt ein zentraler Feiertag, doch sein Stellenwert verändert sich. Während die einen die traditionellen Aufmärsche besuchen, nutzen andere den Tag primär zur Erholung. Die Frage, ob 85 Prozent christliche Feiertage in einem Land mit sinkender Kirchenmitgliedschaft noch zeitgemäß sind, bleibt offen. Die Politik ist gefordert, eine breite gesellschaftliche Debatte zu führen – und vielleicht den Kalender neu zu justieren.
Das Wichtigste
- Österreich hat 13 gesetzliche Feiertage, davon 11 christliche – bei einem Katholikenanteil unter 50 Prozent.
- Nur der 1. Mai und der 26. Oktober sind säkular; alle anderen sind christlich, zwei rein katholisch.
- Das Konkordat von 1934 schützt nicht alle katholischen Feiertage; Änderungen sind rechtlich möglich.
- Alternative Feiertage wie der 8. März oder der 27. April könnten demokratische Werte stärken.
- Die SPÖ nutzt den 1. Mai 2026 für politische Profilierung, während die ÖVP einst seine Abschaffung vorschlug.
- Die Debatte um den Feiertagskalender spiegelt den gesellschaftlichen Wandel und die Suche nach gemeinsamen Werten wider.






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