1,7 Millionen Österreicher von Armut bedroht – 361.000 trotz Arbeit unter der Armutsgrenze
Die „Working Poor“ – eine wachsende Gruppe von Erwerbstätigen, die trotz Vollzeitjob nicht über die Runden kommt – bleiben in der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar, obwohl sie quer durch alle Gesellschaftsschichten reicht.

AUSTRIA —
Die Fakten
- 1,7 Millionen Menschen in Österreich sind armutsgefährdet.
- 361.000 Erwerbstätige (9% der 18- bis 64-Jährigen) gelten als „Working Poor“.
- Die Armutsgrenze liegt bei einem Nettoeinkommen von 1.800 Euro monatlich.
- Über 200.000 der Betroffenen arbeiten in Vollzeit.
- Haushalte mit Kindern und mit weiblicher Hauptverdienerin sind überdurchschnittlich betroffen.
- Erwerbstätige ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind doppelt so häufig armutsgefährdet.
- Die durchschnittlichen Ausgaben eines Einpersonenhaushalts betragen 1.787 Euro pro Monat.
Die unsichtbare Armut der Erwerbstätigen
In Österreich sind 1,7 Millionen Menschen von Armut bedroht – eine Zahl, die regelmäßig Schlagzeilen macht. Doch eine Gruppe bleibt dabei oft im Verborgenen: jene, die arbeiten und dennoch nicht genug zum Leben haben. 361.000 Erwerbstätige, rund neun Prozent der 18- bis 64-Jährigen, gelten als „Working Poor“. Ihr Nettoeinkommen liegt trotz mindestens sechsmonatiger Beschäftigung unter der Armutsgrenze von 1.800 Euro im Monat. Martin Schenk, Sozialpolitikexperte der Diakonie, beschreibt die Gruppe als „riesig“ und „quer durch die Gesellschaftsschichten“ reichend. Dennoch fielen die Betroffenen nicht in das klassische Bild von Armut, das in den vergangenen Jahren stark mit Arbeitslosigkeit verbunden wurde. „Das ist aber nicht so“, stellt Schenk klar.
Prekäre Jobs als Treiber der Erwerbsarmut
Die „Working Poor“ sind in Niedriglohnbereichen wie Handel und Reinigung überrepräsentiert, aber auch unter Selbstständigen und Scheinselbstständigen verbreitet. „Es ist die Grafikerin, der Zeitungsverkäufer, der Paketzusteller, der Essenslieferant, die Therapeutin“, zählt Schenk auf. Es handle sich um unsichere, prekäre Jobs, die oft nicht richtig versichert seien oder auf Honorarnoten basierten. Laut Gewerkschaftsbund (ÖGB) nehmen prekäre Arbeitsverhältnisse zu – sie sind instabil und unsicher, was Entlohnung und Arbeitszeit betrifft, und erfüllen kaum arbeitsrechtliche Voraussetzungen. Die Folge: Trotz Vollzeitarbeit bleibt das Einkommen existenzbedrohend niedrig.
Besonders betroffen: Familien, Frauen und Migranten
Die Statistik zeigt deutliche Unterschiede: Haushalte mit Kindern und solche mit weiblicher Hauptverdienerin sind überdurchschnittlich häufig von Erwerbsarmut betroffen. Noch krasser ist der Unterschied zwischen Erwerbstätigen mit und ohne österreichische Staatsbürgerschaft: Letztere sind mehr als doppelt so oft „Working Poor“. Und entgegen dem Klischee arbeiten mehr als die Hälfte der Betroffenen – über 200.000 Menschen – in Vollzeit. Das Problem sei nicht mangelnde Haushaltsführung, betont Schenk, sondern dass es unmöglich sei, mit dem geringen Einkommen existenzielle Alltagsbedürfnisse zu decken. Die Ausgabenseite sei „massiv gestiegen“, insbesondere die Wohnkosten. „Da bleibt nichts mehr übrig“, so der Experte.
Politische Maßnahmen verschärfen die Lage
Die aktuell beschlossenen Budgetmaßnahmen könnten die Situation der „Working Poor“ weiter verschärfen. Sozial- und Arbeitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) verteidigte das Vorgehen am Samstag, doch Kritiker sehen die Betroffenen im Stich gelassen. Gerade Erwerbsarme hätten oft keinen oder kaum Anspruch auf Sozialleistungen. „Beim Familienbonus beispielsweise bekommen sie am wenigsten“, kritisiert Schenk und fordert mehr politische Unterstützung. Die Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen beziffert die monatlichen Ausgaben eines Einpersonenhaushalts auf 1.787 Euro – nur knapp unter der Armutsgrenze. Der Großteil entfällt auf Wohnkosten. Für viele bleibt am Ende des Monats nichts übrig.
Scham und Ausgrenzung als zusätzliche Last
Wer in prekären Verhältnissen lebt, gilt schnell als „selbst schuld“ – und trägt zusätzlich zur materiellen Not die Last von Scham und Ausgrenzung. ORF-Regisseurin Sandra Szabo hat Betroffene begleitet und sucht in ihrer Dokumentation nach Mechanismen, die soziale Ungleichheit fortschreiben. Die eigene „Leistung“ werde in der Gesellschaft zwar großgeschrieben, meist entscheide aber die Herkunft über Chancen und Lebensweg. Die „Working Poor“ seien nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar, sondern auch in der medialen Berichterstattung und der politischen Debatte, bemängelt Schenk. Dabei ziehe sich die Gruppe durch alle Branchen und Altersgrenzen – ein Phänomen, das dringend mehr Aufmerksamkeit verdiene.
Ausblick: Was tun gegen die wachsende Erwerbsarmut?
Angesichts steigender Preise und stagnierender Löhne droht die Zahl der „Working Poor“ weiter zu wachsen. Experten fordern gezielte Unterstützungsmaßnahmen, etwa eine Reform des Familienbonus und einen höheren Mindestlohn. Auch die Bekämpfung prekärer Arbeitsverhältnisse steht auf der Agenda. Die Politik steht unter Druck: Die aktuellen Budgetmaßnahmen könnten die Lage kurzfristig entschärfen, doch langfristig brauche es strukturelle Änderungen, um Erwerbsarmut nachhaltig zu bekämpfen. Solange die Schere zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten auseinanderklafft, wird die unsichtbare Armut der arbeitenden Bevölkerung ein drängendes Problem bleiben.
Das Wichtigste
- 361.000 Erwerbstätige in Österreich gelten als „Working Poor“ – trotz Arbeit unter der Armutsgrenze.
- Über 200.000 Betroffene arbeiten in Vollzeit, dennoch reicht das Einkommen nicht zum Leben.
- Besonders betroffen sind Haushalte mit Kindern, Frauen und Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft.
- Prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu und sind ein Haupttreiber der Erwerbsarmut.
- Politische Maßnahmen wie der Familienbonus kommen bei den „Working Poor“ kaum an.
- Die monatlichen Ausgaben eines Einpersonenhaushalts liegen bei 1.787 Euro – nur knapp unter der Armutsgrenze.





Conny Hütter fährt weiter: „Ich bin noch nicht bereit, von der Couch zuzuschauen“

Manchester United jagt David Affengruber: Elche fordert 30 Millionen Euro

Formel-1-Rennen in Miami wegen Unwettergefahr um drei Stunden vorgezogen
