Tech

Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“

Die Performancekünstlerin verwandelt den Österreich-Pavillon mit einem ambitionierten Unterwasserprojekt.

4 min
Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“
Die Performancekünstlerin verwandelt den Österreich-Pavillon mit einem ambitionierten Unterwasserprojekt.Credit · ORF

Die Fakten

  • Florentina Holzinger präsentiert „Seaworld Venice“ auf der Biennale in Venedig.
  • Der Hoffmann-Bau wird partiell unter Wasser gesetzt.
  • Nackte Performerinnen fahren Jetski, schwimmen und turnen an Stangen.
  • Urin von Besuchern wird aufbereitet und als Schwimmbecken genutzt.
  • Das Projekt wird vom Kulturministerium mit 600.000 Euro gefördert.
  • Die Ausstellung läuft bis zum 22. November.

Holzingers Unterwasserwelt öffnet ihre Pforten

Am Mittwoch hat die renommierte Performancekünstlerin Florentina Holzinger ihre visionäre Gestaltung des österreichischen Pavillons auf der Kunstbiennale in Venedig enthüllt. Unter dem Titel „Seaworld Venice“ hat die 40-jährige Wienerin den historischen Hoffmann-Bau partiell in eine faszinierende Unterwasserlandschaft verwandelt. Das ambitionierte Projekt, das die Besucher bereits am ersten Preview-Tag in Scharen anzog, verspricht, die Gemüter der Kunstwelt über Monate hinweg zu bewegen. Die Präsentation begann mit einer spektakulären „Etude“: Geladene Gäste wurden auf einem „Mystery Boat Trip“ zu einer schwimmenden Open-Air-Tribüne geleitet. Dort wurde unter lauter Musik eine riesige Messingglocke aus dem Wasser gehoben, die im Narrativ des Biennale-Auftritts als eine unter Wasser entdeckte Reliquie präsentiert wird. Holzinger selbst agierte als menschlicher Glockenklöppel, an den Füßen aufgehängt und nackt, um den Beginn des eigentlichen Spektakels einzuläuten. Diese Glocke soll fortan zu jeder vollen Stunde vom Teleskopkran erklingen. Die Künstlerin, die seit 2010 mit ihren radikalen Körperperformances die Kunstszene aufmischt, hat sich für die Dauer der Biennale bis zum 22. November ein „Only Women“-Ensemble von rund 15 Performerinnen geschaffen. Diese agieren furchtlos und selbstbestimmt in Holzingers inszenierter Welt. Holzinger selbst bezeichnete die Idee, den Pavillon über sieben Monate zu bespielen, im Vorfeld als „hirnrissig“, betonte jedoch, dass gerade dieser Aufwand sie reize.

Ein Spiel mit Wasser, Körper und Wertstoffen

Im Zentrum des Pavillons entfaltet sich eine komplexe Auseinandersetzung mit dem Element Wasser und dessen Wertigkeit. Die beiden Flügel des Hoffmann-Pavillons sind etwa einen halben Meter unter Wasser gesetzt. Auf der einen Seite fährt eine Performerin auf einem Jetski im Kreis, ihre Wellen schlagen gegen die Wände, während auf der anderen Seite Performerinnen vom Becken eine Stange empor klettern. Diese Darbietungen sind Anlehnungen an mythische Wasserwesen wie Undine und Arielle, die bereits in Holzingers früherem Werk „Ophelia’s Got Talent“ feministisch neu interpretiert wurden. Der wohl pikanteste, aber zugleich unaufgeregteste Teil des Projekts befindet sich im Innenhof. Dort harrt eine Performerin mit Tauchgerät in einem gläsernen Becken aus und beobachtet das Publikum. Das Wasser in diesem Becken ist klar und sauber. Sein Ursprung liegt jedoch in den daneben aufgestellten Dixi-Klos, an die eine Kläranlage angeschlossen ist. Besucher werden freundlich animiert, in den Toiletten „Spenden“ abzugeben – ausschließlich Flüssiges, wie Schilder mit der Aufschrift „No shit“ nahelegen. Der gesammelte Urin wird speziell aufbereitet. Durch den Einsatz von Osmosefiltern gelangt er in gereinigter Form in ein Aquarium, das mit den anderen Becken verbunden ist. Diese Kreislaufwirtschaft, bei der menschliche Ausscheidungen zu sauberem Wasser werden, unterstreicht die Botschaft des Projekts: Wasser ist wertvoll. Das Büro von Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) bestätigte, dass die Künstlerinnen und Künstler „in geklärtem und aufbereitetem Wasser“ performen werden.

Spekulationen und Realität: Die „Fäkalperformance“

Wochenlang hatten Spekulationen über eine skandalträchtige „Fäkalperformance“ die Runde gemacht, angeheizt durch Schlagzeilen wie „Österreich in Venedig: Jetzt wird’s unappetitlich“ in der „Kronen Zeitung“. Diese Erwartungen, die wohl auch geschickt von Holzinger und ihrem skandalerprobten Team inszeniert wurden, erwiesen sich jedoch als unbegründet. Statt einer „unappetitlichen“ Darbietung präsentiert Holzinger eine Reflexion über Nachhaltigkeit und die Wertschätzung von Ressourcen. Die Vorstellung, dass Holzinger eine „Uniferkelei“ unter feministischen Vorzeichen wiederholen würde, war im Vorfeld präsent. Doch die Realität im Hoffmann-Pavillon ist eine andere. Die nackten Performerinnen, die Jetski fahren, als Glockenschläger dienen oder im Tauchbecken verharren, agieren in einem Umfeld, das zwar provokativ gestaltet ist, aber auf eine bewusste Aufbereitung und Wiederverwendung von Wasser setzt. Die Künstlerin, die von der „Zeit“ einst mit den Worten zitiert wurde, „Sie darf alles“, nutzt die Biennale als Bühne für ihre radikalen Körperperformances. Die Finanzierung des Projekts „Seaworld Venice“ ist mit 600.000 Euro aus dem Kulturministerium unter Minister Andreas Babler (SPÖ) gesichert. Diese beträchtliche Summe unterstreicht die Bedeutung, die dem österreichischen Beitrag zur Biennale beigemessen wird. Die Künstlerin, die mit ihren Inszenierungen regelmäßig die Grenzen des Sagbaren und Darstellbaren auslotet, hat mit „Seaworld Venice“ erneut ein Werk geschaffen, das sowohl provoziert als auch zum Nachdenken anregt.

Ein Blick auf die Künstlerin und ihr Schaffen

Florentina Holzinger, geboren in Wien, hat sich seit 2010 mit ihren radikalen und oft provokanten Körperperformances einen Namen in der internationalen Kunstwelt gemacht. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine intensive körperliche Darbietung, die Erforschung von Grenzerfahrungen und eine feministische Perspektive aus. Sie choreografiert nicht nur Tanz, sondern „quasi alles, was sich – auf der Bühne, in Kunsthallen oder auch außerhalb – bewegen lässt“, wie es heißt. Ihre Performances sind bekannt dafür, die Gemüter zu erhitzen und Debatten auszulösen. Holzinger scheut sich nicht, Tabus zu brechen und gesellschaftliche Konventionen herauszufordern. Dies hat ihr den Ruf einer „Skandalperformerin“ eingebracht, aber auch die Anerkennung als eine der einflussreichsten Künstlerinnen ihrer Generation. Die Auswahl Holzingers zur Vertretung Österreichs bei der Biennale in Venedig ist somit eine konsequente Fortsetzung ihrer bisherigen Karriere. Mit „Seaworld Venice“ setzt sie ihre Auseinandersetzung mit dem Körper, der Natur und gesellschaftlichen Strukturen fort, diesmal in einem monumentalen Rahmen und mit einem klaren Statement zur Dringlichkeit des Ressourcenschutzes.

Das Wichtigste

  • Florentina Holzinger präsentiert ihr Projekt „Seaworld Venice“ auf der Biennale in Venedig, das den österreichischen Pavillon teilweise unter Wasser setzt.
  • Nackte Performerinnen agieren in verschiedenen Szenarien, darunter Jetski-Fahrten und Darbietungen über einem Becken mit aufbereitetem Urin.
  • Das Projekt thematisiert Nachhaltigkeit und die Wertigkeit von Wasser, indem menschliche Ausscheidungen zu sauberem Schwimmwasser aufbereitet werden.
  • Wochenlange Spekulationen über eine skandalöse „Fäkalperformance“ wurden durch eine künstlerische Reflexion über Ressourcen ersetzt.
  • Das Kulturministerium fördert Holzingers Biennale-Auftritt mit 600.000 Euro.
  • Die Ausstellung läuft bis zum 22. November und involviert ein Ensemble von rund 15 Performerinnen.
Galerie
Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“ — image 1Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“ — image 2Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“ — image 3Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“ — image 4Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“ — image 5Florentina Holzinger taucht Venedig in „Seaworld Venice“ — image 6
Mehr dazu