Großrazzia gegen junge Rechtsextremisten in Deutschland
Bundesweit durchsuchten Ermittler Wohnungen von 36 Verdächtigen aus den Gruppen „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“.
AUSTRIA —
Die Fakten
- Bundesweit durchsuchten Ermittler am Mittwoch Wohnungen von 36 mutmaßlichen Rechtsextremisten.
- Im Fokus stehen die Gruppen „Jung und Stark“ (JS) und „Deutsche Jugend Voran“ (DJV).
- Den Beschuldigten wird Mitgliedschaft in kriminellen Vereinigungen und teils Rädelsführerschaft vorgeworfen.
- Die Razzia fand in zwölf Bundesländern statt, 600 Einsatzkräfte waren beteiligt.
- Die Gruppen sollen sich seit Mitte 2024 organisiert haben und zu Gewalttaten aufrufen.
- Einige Beschuldigte werden wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.
- Die jüngsten Verdächtigen sind 16 Jahre alt.
Bundesweite Razzia gegen rechtsextreme Jugendgruppen
Seit dem frühen Mittwochmorgen laufen bundesweit Durchsuchungen bei mutmaßlichen Mitgliedern rechtsextremer Jugendorganisationen. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat eine groß angelegte Razzia gegen 36 Beschuldigte angeordnet. Ihnen wird die Mitgliedschaft in kriminellen Vereinigungen vorgeworfen, teilweise auch Rädelsführerschaft. Die Ermittlungen richten sich gegen die Gruppen „Jung und Stark“ (JS) und „Deutsche Jugend Voran“ (DJV), die sich laut Sicherheitskreisen seit Mitte 2024 organisiert haben. Die Maßnahmen erstrecken sich über zwölf Bundesländer und involvieren mehr als 600 Einsatzkräfte. Ziel der Durchsuchungen ist es, bestehende Verdachtsmomente zu überprüfen und zu konkretisieren. Festnahmen waren nach Informationen aus Ermittlerkreisen nicht geplant. Die Razzien stellen einen weiteren Schlag gegen die bundesweit agierenden rechtsextremen Jugendgruppierungen dar, die in den vergangenen Monaten zunehmend ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten sind.
Struktur und Ideologie der verdächtigten Gruppen
Die beiden im Visier der Ermittler stehenden Gruppen, „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“, sind bundesweit organisiert und unterhalten regionale Strukturen in mehreren Bundesländern. Ihre Mitglieder vernetzen sich sowohl über soziale Medien als auch durch regelmäßige Treffen. Laut Bundesanwaltschaft sollen sie zu Gewalttaten gegen politische Gegner sowie gegen Personen aufgerufen haben, die sie als pädophil einstuften. Einige Beschuldigte sollen bereits Personen aus der linken Szene oder vermeintlich Pädophile angegriffen und verletzt haben. Die Ideologie dieser Gruppen ist geprägt von reaktionären Männlichkeitsbildern, Antifeminismus und Queerfeindlichkeit. Sie richten sich gezielt an ein junges Publikum, um ihre menschenverachtenden und gewaltverherrlichenden Ideologien zu verbreiten, insbesondere über soziale Medien. Die Gruppen nutzen dabei Stilelemente der Neonazi-Szene und der Skinhead-Subkultur der 1990er-Jahre. Im Vergleich zu traditionellen rechtsextremen Akteuren agieren sie oft unstrukturierter, legen aber Wert auf Aktions- und Erlebnisorientierung.
Umfang der Ermittlungen und beteiligte Behörden
Insgesamt stehen 36 Personen im Fokus der Ermittlungen, darunter sind auch Jugendliche und Heranwachsende; der Jüngste ist 16 Jahre alt. Viele der Beschuldigten gelten als Rädelsführer. Gegen acht Personen wird zusätzlich wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Die Bundesanwaltschaft hat das Verfahren wegen seiner besonderen Bedeutung an sich gezogen. An der Aufklärung der Gruppen war auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beteiligt. Die Razzien fanden in Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein statt. Nicht betroffen waren Baden-Württemberg, Bremen, Hamburg und Thüringen. Die meisten Beschuldigten stammen aus Nordrhein-Westfalen (neun), gefolgt von Brandenburg und Sachsen (jeweils fünf).
Vorgeschichte und Verbindungen zu politischen Organisationen
Die Gruppen „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ sind Teil einer Welle von Gewalttaten, die seit 2024 von teils sehr jungen Neonazis ausgeht. Sie treten vermehrt durch Veranstaltungen, Störaktionen und Straftaten in Erscheinung. Die Sicherheitsbehörden schätzen das Potenzial beider Gruppen auf jeweils mehrere Hundert Mitglieder. Die DJV trat zuletzt auch unter dem Namen „Neue Deutsche Welle“ (NDW) auf. Es bestehen enge Verbindungen zu rechtsextremen Parteien. Mitglieder der beiden Gruppen wurden wiederholt bei Veranstaltungen der neonazistischen Partei „Die Heimat“ (vormals NPD) und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ festgestellt. So verbreitete die DJV auf ihrem Telegram-Kanal eine Videobotschaft des „Heimat“-Vorsitzenden Peter Schreiber. Bereits im April 2025 wurde ein mutmaßlicher Anführer der DJV, Julian M., in Berlin wegen gefährlicher Körperverletzung und anderer Delikte zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Auch im September 2025 gab es bereits Durchsuchungen gegen diese Gruppen.
Besorgniserregende Radikalisierung junger Menschen
Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) äußerte sich besorgt über die zunehmende Radikalisierung von Jugendlichen durch Rechtsextreme. „Auch der Niedersächsische Verfassungsschutz stellt fest, dass sich diese Gruppen zunehmend an ein sehr junges Publikum wenden, um für ihr menschenfeindliches und gewaltverherrlichendes Gedankengut zu werben, insbesondere in den sozialen Medien“, sagte Behrens. Die Zugänge zu solchen gewalttätigen rechtsextremen Gruppierungen seien niedrigschwelliger geworden, beispielsweise durch QR-Codes auf Stickern. Die Gruppen sind besonders gewaltbereit und fallen immer wieder durch Aktionen auf, die auf hohe Gewaltbereitschaft schließen lassen. Sie sollen mehrfach Störaktionen gegen Veranstaltungen zum Christopher Street Day organisiert und zahlreiche Gewalttaten gegen queere Menschen und politisch Andersdenkende verübt haben. Die Verfassungsschutzberichte für 2024 erwähnen die DJV und JS als Gruppen, die sich ausdrücklich an eine junge, aktions- und gewaltorientierte Zielgruppe richten.
Ausblick: Bekämpfung extremistischer Jugendgruppen
Die aktuelle Razzia unterstreicht die anhaltende Anstrengung der deutschen Behörden, rechtsextremen Jugendgruppen entgegenzutreten. Die Vernetzung dieser Gruppen über soziale Medien und ihre Fähigkeit, junge Menschen anzusprechen, stellen eine besondere Herausforderung dar. Die enge Verbindung zu etablierten rechtsextremen Parteien wie „Die Heimat“ deutet auf eine strategische Weiterentwicklung der Szene hin. Die Ermittlungen werden fortgesetzt, um das Ausmaß der kriminellen Aktivitäten aufzudecken und die Strukturen der Organisationen weiter zu zerschlagen. Die Innenministerin Behrens betonte die Notwendigkeit, die Radikalisierungstendenzen frühzeitig zu erkennen und präventive Maßnahmen zu ergreifen, um junge Menschen vor extremistischer Propaganda zu schützen. Die Frage, wie effektiv die Strafverfolgung und Prävention angesichts der digitalen Vernetzung und der niedrigen Zugangsschwellen sein werden, bleibt zentral.
Das Wichtigste
- 36 mutmaßliche Rechtsextremisten, meist junge Erwachsene, wurden im Rahmen einer bundesweiten Razzia durchsucht.
- Die Ermittlungen richten sich gegen die kriminellen Vereinigungen „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“.
- Den Verdächtigen wird Mitgliedschaft in kriminellen Vereinigungen und Rädelsführerschaft vorgeworfen; einige wegen gefährlicher Körperverletzung.
- Die Gruppen sind bundesweit organisiert, nutzen soziale Medien zur Rekrutierung und sind für Gewaltaufrufe bekannt.
- Es bestehen Verbindungen zu etablierten rechtsextremen Parteien wie „Die Heimat“ (ehemals NPD).
- Die Radikalisierung junger Menschen durch rechtsextreme Ideologien, insbesondere über digitale Kanäle, wird als besorgniserregend eingestuft.



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