FC Thun krönt sich als Aufsteiger zum Schweizer Meister – ein Märchen im Berner Oberland
Nur ein Jahr nach dem Aufstieg in die Super League sichert sich der FC Thun dank Schützenhilfe von Sion den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte.

SWITZERLAND —
Die Fakten
- FC Thun gewann am 3. Mai 2026 die Meisterschaft, nachdem St. Gallen gegen Sion mit 0:3 verlor.
- Der Klub stieg im Sommer 2025 nach fünf Jahren Abstinenz in die Super League auf.
- Trainer Mauro Lustrinelli übernahm 2022 und führte das Team trotz zweimal verpasstem Aufstieg zur Meisterschaft.
- Thun hatte zu Saisonbeginn den geringsten Kaderwert der Liga (7,8 Mio. Euro), der sich auf 22,4 Mio. Euro fast verdreifachte.
- Elmin Rastoder und Franz-Ethan Meichtry steigerten ihren Marktwert auf je 3 Mio. Euro.
- Die Offensive erzielte 76 Tore in 35 Spielen – die beste der Liga.
- Präsident Andres Gerber feierte mit einem Seitenhieb auf die Konkurrenz: 'Stell dir vor, es ist nicht YB, nicht Basel, nicht Zürich – sondern es ist unser FC Thun.'
Historischer Triumph nach dramatischer Finalphase
Der FC Thun ist Schweizer Meister der Saison 2025/26. Der Aufsteiger aus dem Berner Oberland sicherte sich den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte am Sonntag, dem 3. Mai 2026, ohne selbst zu spielen. Der Verfolger FC St. Gallen unterlag zu Hause dem FC Sion mit 0:3, womit Thun drei Spieltage vor Schluss uneinholbar elf Punkte Vorsprung hat. Einen Tag zuvor hatte Thun den Matchball noch vergeben: Gegen den FC Basel verlor die Mannschaft in Unterzahl mit 1:3. Die geplante Meisterfeier musste vertagt werden. Doch die Walliser Schützenhilfe machte den Titel perfekt. In der Stockhorn Arena brachen danach Jubelstürme los, Spieler und Fans feierten gemeinsam.
Von der Abstiegsregion zum Meisterstück
Der Weg des FC Thun ist geprägt von Rückschlägen und Wiederaufstieg. 2020 stieg der Klub aus der Super League ab und scheiterte 2021 und 2024 knapp am Aufstieg. Finanzielle Probleme bedrohten die Existenz: Vor zwei Jahren stand der Verein vor der Insolvenz oder einer Übernahme durch ausländische Investoren. Ein Schweizer Unternehmer erwarb rund ein Drittel der Anteile, stabilisierte die Finanzen und bewahrte die Unabhängigkeit. Im Sommer 2025 gelang die Rückkehr in die höchste Spielklasse. Die Erwartungen waren gering: Thun hatte den niedrigsten Kaderwert der Liga (7,8 Mio. Euro) – die Topteams Young Boys (78,2 Mio.) und Basel (68,8 Mio.) waren fast zehnmal höher bewertet. Mit bescheidenen Mitteln – acht Neue für 1,7 Mio. Euro – startete die Mannschaft in die Saison.
Trainer Lustrinelli als Architekt des Erfolgs
Mauro Lustrinelli übernahm den FC Thun im Sommer 2022. Trotz zweier verpasster Aufstiege hielt die Vereinsführung an ihm fest. Der ehemalige U21-Nationaltrainer der Schweiz prägte eine klare taktische Identität: ein strukturiertes 4-4-2-System mit Raute, das auf Balance, kollektive Organisation und effiziente Umschaltmomente setzt. Viele Spieler kannten sich bereits aus der Aufstiegssaison, was den Zusammenhalt stärkte. Lustrinelli, der zuvor im Jugendbereich des Klubs arbeitete, fördert gezielt Talente. Sein Fokus auf langfristige Entwicklung statt kurzfristigen Erfolg zahlte sich aus. Die Spieler entwickelten sich überdurchschnittlich: Der Kaderwert stieg um 187 Prozent auf 22,4 Mio. Euro – Platz acht im Ligavergleich.
Offensive Wucht und defensive Stabilität
Mit 76 Toren in 35 Partien stellte Thun die beste Offensive der Super League. Die Last verteilte sich auf viele Schultern: 17 verschiedene Spieler trafen, nur Lausanne-Sport hatte mehr Torschützen. Topscorer Elmin Rastoder erzielte 13 Treffer, gefolgt von Leonardo Bertone und Christopher Ibayi mit je zehn sowie Franz-Ethan Meichtry mit acht Toren. Meichtry, 20 Jahre alt, verzehnfachte seinen Marktwert auf 3 Mio. Euro und weckt Begehrlichkeiten: Der FC Parma und die TSG Hoffenheim sollen interessiert sein. Die Defensive um Kapitän Marco Bürki, Bruder von Ex-Dortmunder Roman Bürki, Genís Montolio und Keeper Niklas Steffen blieb siebenmal ohne Gegentor. Fast alle Leistungsträger gehörten bereits zur Aufstiegsmannschaft. Im Sommer enden jedoch sieben Verträge, darunter der von Montolio, und Leihspieler Kastriot Imeri wird den Klub verlassen.
Schwäche der etablierten Spitzenteams als Türöffner
Der Erfolg Thuns ist auch das Ergebnis einer ungewöhnlichen Saison. Die traditionellen Spitzenklubs FC Basel und BSC Young Boys, die den Schweizer Fußball in den letzten Jahren dominierten, durchliefen eine schwache Spielzeit. Basel liegt 18 Punkte hinter Thun, Young Boys sogar 26. Ihre Unbeständigkeit öffnete einer gut organisierten und selbstbewussten Mannschaft die Tür an die Spitze. Blick-Fussballchef Tobias Wedermann nannte den Triumph ein „vernichtendes Zeugnis für die sportlichen Chefetagen der vermeintlich grossen Klubs“. Präsident Andres Gerber richtete auf der Meisterfeier einen Seitenhieb an die Konkurrenz: „Stell dir vor, es ist nicht YB, nicht Basel, nicht Zürich – sondern es ist unser FC Thun.“
Ausgelassene Feiern in Thun – Freinacht in der Altstadt
Nach dem Titelgewinn verlegte sich die Party von der Stockhorn Arena auf den Rathausplatz in der Thuner Innenstadt. Mehrere Tausend Menschen drängten sich in den Gassen, Pyro-Rauch lag in der Luft, Fan-Gesänge hallten wider. Ein lokales Busunternehmen hatte bereits eines seiner Fahrzeuge rot lackiert mit der Aufschrift: „Aacho, abglieferet, abgruumt!“ – die Meister-Party nahm Fahrt auf. Die sonst ruhige Berner Oberländer Stadt erlebte Hupkonzerte, die an südländische Verhältnisse erinnerten. Die Polizei drückte wohl ein Auge zu. Fans und Mannschaft zogen gemeinsam durch die Altstadt, die Feiern setzten sich in den Bars fort. Thun erlebte eine Freinacht, die dem Überraschungs-Meister würdig war.
Ein historisches Fußballmärchen mit Seltenheitswert
Dass ein Aufsteiger die Meisterschaft gewinnt, ist im europäischen Fußball der Neuzeit eine Rarität. In der Schweiz gelang dies zuletzt Grasshopper Zürich 1951/52, in Deutschland dem 1. FC Kaiserslautern 1997/98 und in England Nottingham Forest 1977/78. Thun reiht sich in diese exklusive Liste ein. Der Triumph basiert nicht auf einem vermögenden Eigentümer oder großer finanzieller Unterstützung, sondern auf Kontinuität, kluger Planung und starkem Teamzusammenhalt. Die Saison 2025/26 wird als eine der bemerkenswertesten Geschichten im Schweizer Fußball in Erinnerung bleiben – ein Märchen aus dem Berner Oberland.
Das Wichtigste
- FC Thun gewann als Aufsteiger den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte – ein Novum im Schweizer Fußball seit 1952.
- Trainer Mauro Lustrinelli formte aus einem Kader mit dem geringsten Marktwert der Liga ein Meisterteam.
- Die Offensive war mit 76 Toren ligaweit die beste, 17 verschiedene Spieler trafen.
- Finanzielle Probleme und zwei knapp verpasste Aufstiege gingen dem Erfolg voraus; ein Schweizer Unternehmer rettete den Verein vor der Insolvenz.
- Die Schwäche der etablierten Topklubs Basel und Young Boys ebnete Thun den Weg an die Spitze.
- Im Sommer laufen sieben Verträge aus, darunter Schlüsselspieler; die Zukunft des Kaders ist offen.







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