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Deutsche Bahn startet Respektkampagne nach tödlichem Angriff – Bodycams für Tausende Mitarbeiter

Drei Monate nach dem Tod von Zugbegleiter Serkan Çalar setzt die Bahn auf Plakate, Bodycams und mehr Sicherheitspersonal – doch der Betriebsrat fordert pünktlichere Züge als wirksamstes Mittel gegen Gewalt.

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Deutsche Bahn startet Respektkampagne nach tödlichem Angriff – Bodycams für Tausende Mitarbeiter
Drei Monate nach dem Tod von Zugbegleiter Serkan Çalar setzt die Bahn auf Plakate, Bodycams und mehr SicherheitspersonalCredit · DIE ZEIT

Die Fakten

  • Serkan Çalar, ein Zugbegleiter, wurde vor drei Monaten in Rheinland-Pfalz getötet.
  • Die Kampagne #mehrachtung startete heute mit Plakaten in Bahnhöfen und Zügen.
  • Rund 2.000 Bodycams sind bereits konzernweit im Einsatz.
  • Bis 2026 sollen alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt, die dies wünschen, eine Bodycam erhalten.
  • DB Fernverkehr stattet ab Juli 2026 rund 2.000 Mitarbeiter freiwillig mit Bodycams aus.
  • DB Regio hat rund 1.700 Mitarbeiter mit Bodycams ausgestattet, DB Sicherheit rund 170.
  • Ab dem zweiten Halbjahr 2026 erhalten rund 800 Mitarbeiter an Personenbahnhöfen Bodycams.
  • Ein Pilotprojekt zur Doppelbesetzung im Nahverkehr läuft bereits.

Ein Mord als Weckruf

Drei Monate ist es her, dass der Zugbegleiter Serkan Çalar in Rheinland-Pfalz getötet wurde. Der Fall erschütterte die Deutsche Bahn und die gesamte Branche. Nun reagiert das Unternehmen mit einer breit angelegten Kampagne: Unter dem Motto #mehrachtung sollen Plakate in Bahnhöfen und Zügen Fahrgäste zu mehr Respekt gegenüber dem Personal anhalten. Die weiße Schrift auf schwarzem Grund zitiert den ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch für alle in Uniform.“ Die Kampagne ist Teil eines „Aktionsplans für mehr Sicherheit auf der Schiene“, den DB-Chefin Evelyn Palla nach dem gewaltsamen Tod des Zugbegleiters einberufen hatte. Neben der Bahn beteiligen sich das Bundesverkehrsministerium, der Branchenverband VDV und der Konzernbetriebsrat. Patrick Schnieder, Bundesverkehrsminister, erklärte: „Ich bin immer noch traurig und schockiert über den Tod von Serkan Çalar. Der immer weiter zunehmenden Zahl von Beleidigungen und Angriffen setzen wir ein klares Signal entgegen: Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch bei der Ticketkontrolle.“

Appelle allein reichen nicht

Die Kampagne stößt auf breite Unterstützung, doch die Gewerkschaften und der Betriebsrat mahnen, dass es mehr brauche als Plakate. Heike Moll, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der DB AG, sagte: „Sinkende Hemmschwellen verbunden mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft sind ein gesamtgesellschaftliches Problem. Unsere Kolleginnen und Kollegen spüren das jeden Tag. Wir erwarten, dass die neue Kampagne tatsächlich für mehr Sicherheit sorgt und nicht nur bereits vorhandene Formate fortsetzt.“ Ihrer Ansicht nach seien pünktliche Züge der größte Hebel, um Konflikte zu minimieren. Dafür brauche es eine verlässliche, langfristige Finanzierung der Infrastruktursanierung. Auch Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), betonte, die Branche tue viel, doch die wachsende Zahl an Übergriffen zeige, dass dies nicht genug sei. „Wir müssen daher gemeinsam mit allen Akteuren mehr tun. Und das werden wir.“

Bodycams als zentrales Instrument

Ein Kernstück des Aktionsplans ist der Einsatz von Bodycams. Bereits heute sind rund 2.000 Geräte konzernweit im Einsatz. DB Regio hat rund 1.700 Mitarbeiter mit Kundenkontakt ausgestattet, DB Sicherheit rund 170. Bis 2026 sollen alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt, die dies wünschen, eine Bodycam erhalten. DB Fernverkehr beginnt ab Juli 2026 damit, sukzessive rund 2.000 Mitarbeiter freiwillig auszurüsten. An den Personenbahnhöfen erhalten rund 800 Mitarbeiter ab dem zweiten Halbjahr 2026 eine Bodycam. Die Bahn plant zudem, die deeskalierende Wirkung der Kameras durch Tonaufnahmen zu verstärken. Ein entsprechender Test soll im dritten Quartal dieses Jahres starten. Die Maßnahmen stoßen bei Mitarbeitern und Fahrgästen auf Resonanz, wie ein Pilotprojekt zur Doppelbesetzung im Nahverkehr zeigt, das bereits läuft.

Doppelbesetzung und mehr Präsenz

Neben technischen Lösungen setzt die Bahn auf mehr Personal. DB Regio hat ein Pilotprojekt zur Doppelbesetzung im Nahverkehr gestartet, das bei Mitarbeitenden und Fahrgästen auf große Resonanz stoße. In Zusammenarbeit mit den Aufgabenträgern werde geprüft, auf welchen Linien oder zu welchen Zeiten eine Doppelbegleitung sinnvoll sei. Je nach Gefahrenlage könnten unterschiedliche Teamkonstellationen, etwa mit Sicherheitspersonal, zum Einsatz kommen. Die Entscheidung über die Umsetzung liege bei den zuständigen Aufgabenträgern vor Ort. Die Kampagne und die technischen Maßnahmen sind Teil eines Bündels, das auf dem Sicherheitsgipfel nach dem Tod von Serkan Çalar beschlossen wurde. Die erste Bilanz nach zwei Monaten fällt nach Angaben der Bahn positiv aus. Doch die grundlegende Frage bleibt: Reichen Appelle und Kameras, um die steigende Gewalt gegen Bahnmitarbeiter zu stoppen?

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Die Deutsche Bahn steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss sie die Sicherheit ihres Personals erhöhen, andererseits kämpft sie mit einem maroden Schienennetz und chronischen Verspätungen. Der Betriebsrat macht deutlich, dass pünktliche Züge der beste Konfliktlöser wären. Doch die Infrastruktur ist sanierungsbedürftig, und die Finanzierung ist langfristig nicht gesichert. Die Kampagne #mehrachtung soll ein Zeichen setzen – doch ob sie mehr ist als ein Symbol, wird sich zeigen müssen. Die Branche ist sich einig, dass es eines gesellschaftlichen Umdenkens bedarf. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – dieser Satz gilt nun auch in Uniform. Ob er in der täglichen Realität der Bahnmitarbeiter ankommt, hängt von vielen Faktoren ab: von der Politik, von der Infrastruktur und nicht zuletzt von jedem einzelnen Fahrgast.

Das Wichtigste

  • Die Deutsche Bahn startet die Respektkampagne #mehrachtung als Reaktion auf den tödlichen Angriff auf Zugbegleiter Serkan Çalar.
  • Bis 2026 sollen alle Mitarbeiter mit Kundenkontakt, die dies wünschen, mit Bodycams ausgestattet werden – rund 2.000 sind bereits im Einsatz.
  • Der Konzernbetriebsrat fordert pünktlichere Züge als wirksamstes Mittel gegen Gewalt und kritisiert die Kampagne als möglicherweise unzureichend.
  • Ein Pilotprojekt zur Doppelbesetzung im Nahverkehr läuft, um die Präsenz von Personal zu erhöhen.
  • Die Kampagne wird von Bundesverkehrsministerium, VDV und Betriebsrat unterstützt, doch die wachsende Zahl von Übergriffen zeigt die Dringlichkeit weiterer Maßnahmen.
  • Die Bahn plant, ab dem dritten Quartal 2025 auch Audioaufnahmen über Bodycams zu testen, um die deeskalierende Wirkung zu verstärken.
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