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Dürre in Europa: 65 Prozent der Regionen von extremer Trockenheit betroffen

Zwischen 2015 und 2024 erlebten 936 von 1435 NUTS-3-Regionen extreme Sommerdürren – ein eindeutiger Klimatrend, der sich laut Forschern weiter verschärfen wird.

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Dürre in Europa: 65 Prozent der Regionen von extremer Trockenheit betroffen
Zwischen 2015 und 2024 erlebten 936 von 1435 NUTS-3-Regionen extreme Sommerdürren – ein eindeutiger Klimatrend, der sichCredit · BILD

Die Fakten

  • 936 von 1435 NUTS-3-Regionen in Europa (65,2 %) erlebten zwischen 2015 und 2024 extreme bis außergewöhnliche Sommerdürren.
  • In 68,5 % der Regionen hat sich die Dürredauer im Vergleich zum Zeitraum 1981–2010 verlängert.
  • Die von Dürre betroffene Fläche in Europa betrug 2024 rund 156.703 km² – etwa sechsmal die Fläche Siziliens.
  • Die Rekordjahre 2018 (520.817 km²) und 2022 (558.313 km²) hatten deutlich größere Dürreflächen.
  • In Deutschland fielen im Dezember 2024 nur 40 % des üblichen Niederschlags (22 Liter/m²).
  • In der ersten Aprilhälfte 2025 betrug die Niederschlagsmenge nur 41 % des langjährigen Mittels.
  • Der gleitende Zehn-Jahres-Durchschnitt der Dürreflächen steigt kontinuierlich an.

Ein Kontinent unter Trockenstress

Ein Großteil aller Regionen in Europa war in den vergangenen zehn Jahren von extremer Dürre betroffen. Das zeigen Daten der Europäischen Umweltagentur (EEA): Zwischen 2015 und 2024 erlebten 936 der 1435 NUTS-3-Regionen – das sind 65,2 Prozent – eine extreme bis außergewöhnliche Sommerdürre. In 68,5 Prozent der Regionen hat sich die Dauer solcher Dürreperioden im Vergleich zum Zeitraum 1981 bis 2010 verlängert. „Das Signal ist eindeutig“, sagt Shouro Dasgupta, Forscher am Europa-Mittelmeer-Zentrum für Klimawandel (CMCC). „Dürren treten auf dem gesamten Kontinent häufiger und intensiver auf.“ Der Experte bezieht sich dabei auch auf den kürzlich veröffentlichten Bericht „Lancet Countdown“ zu Gesundheit und Klimawandel.

Rekordjahre trotz kleinerer Flächen 2023 und 2024

Die von Dürre betroffene Fläche in Europa war 2024 mit 156.703 km² – etwa sechsmal so groß wie Sizilien – deutlich kleiner als in den Rekordjahren 2018 (520.817 km²) und 2022 (558.313 km²). Dennoch warnt Dasgupta vor voreiliger Entwarnung: „Der gleitende Zehn-Jahres-Durchschnitt der von Dürre betroffenen Gebiete steigt – und genau dieser Wert ist entscheidend.“ Eine Umkehr des Dürre-Trends werde nicht von den Fakten gestützt. Dürrejahre würden infolge des fortschreitenden Klimawandels nicht nur häufiger auftreten, sondern tendenziell auch schwerwiegender werden. Die kurzfristig kleineren Flächen täuschten nicht über den langfristigen Trend hinweg.

Deutschland: Böden bereits im Frühjahr so trocken wie im Hochsommer

In Deutschland schlagen Fachleute Alarm: Die Böden sind bereits Ende April so ausgetrocknet wie sonst erst im Hochsommer. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) fielen im Dezember 2024 nur 22 Liter Niederschlag pro Quadratmeter – 40 Prozent des üblichen Werts. Der gesamte Winter blieb mit 135 Litern pro Quadratmeter „klar unter dem langjährigen Mittel“. Ab März blockierte eine festgefahrene Hochdruckwetterlage über Wochen jede ergiebige Tiefdruckaktivität. In der ersten Aprilhälfte registrierten viele Messstationen weniger als sieben Millimeter Regen, insgesamt nur 41 Prozent der üblichen Menge. Meteorologe Dominik Jung stellt fest: „Die Trockenheit in Deutschland zieht sich mittlerweile über viele Monate.“

Ostdeutschland besonders betroffen – Waldbrandgefahr steigt

Laut Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) ist die Lage in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Teilen Mecklenburg-Vorpommerns besonders dramatisch. Dort herrscht großflächig die höchste Dürre-Stufe. In Harzgerode (Sachsen-Anhalt) liegt die Bodenfeuchte unter dem Wert, der normalerweise Mitte August üblich ist. Teilweise wird vor zunehmender Waldbrandgefahr gewarnt. Im Osten Deutschlands seien vor allem die tieferen Bodenschichten bis rund 1,80 Meter – aus denen Bäume und Tiefwurzler ihr Wasser ziehen – flächendeckend ausgetrocknet. Der Starkregen vom 19. und 20. April habe die Lage nur punktuell entspannt; das Wasser blieb weitgehend in den oberen 25 Zentimetern hängen.

Landwirtschaft und Ökosysteme unter Druck

Die Dürre fällt in eine Zeit, in der das Pflanzenwachstum beginnt und Gärten und Felder auf eine stabile Wasserversorgung angewiesen wären, „als gute Grundlage für den Sommer“, so eine Sprecherin des Helmholtz-Instituts. Helge May vom NABU warnt: „Die Trockenheitsschäden an Bäumen könnten sich verschärfen, bis zum Absterben. Insbesondere Fichten als Flachwurzlern geht es schnell an den Kragen.“ Sollte ein Waldbrand entstehen, könne er sich bei der Dürre schneller ausbreiten. „Wir müssen damit rechnen, dass Bäume auch in Städten schon im Sommer anfangen, ihre Blätter abzuwerfen, weil Feuchtigkeit über sie verloren geht“, so May. „Es kann im Sommer wieder zu Bewässerungsverboten für den Rasen kommen.“

Wirtschaftliche Folgen und steigende Lebensmittelpreise

Die anhaltende Trockenheit hat auch direkte Auswirkungen auf die Geldbeutel der Verbraucher. „Durch notwendige Bewässerung steigen die Kosten für die Produktion. Lebensmittel werden teurer“, sagt Helge May. Landwirte, Gartenfachbetriebe und Hobbygärtner müssen mit Sorge die nächsten Tage beobachten, so Meteorologe Dominik Jung: „Es hat sich bereits wieder trockenes Hochdruckwetter eingestellt, nennenswerte Niederschläge sind auch mittelfristig nicht in Sicht.“ Die Dürresituation bleibe bundesweit angespannt. In ganz Deutschland fiel in der vergangenen Woche kein einziger Millimeter Niederschlag. Lediglich in Nordrhein-Westfalen werden in den kommenden Tagen 3,6 Millimeter Regen erwartet – zu wenig, um die kritische Bodenfeuchte zu verbessern.

Internationale Dimension: Dürre in Somalia und weltweite Trends

Die Dürreproblematik beschränkt sich nicht auf Europa. In Somalia verschärfen sich Hungersnot und Dürre, das Welternährungsprogramm (WFP) der UN kann angesichts gekürzter Mittel den Menschen dort nur noch wenige Wochen lang Hilfe leisten. Die Zahl der weltweiten Dürren ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, besonders der afrikanische Kontinent ist von Wasserknappheit betroffen. Forscher Shouro Dasgupta betont: „Im Jahr 2025 erlebten Deutschland und Frankreich einige der schlimmsten Waldbrandsaisons, die jemals verzeichnet wurden. Diese Ereignisse deuten darauf hin, dass sich die Länder Nord- und Mitteleuropas auf längere Trockenperioden und häufigere kombinierte Hitze- und Dürrephasen einstellen sollten.“ Die Dürre in Europa ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein strukturelles Problem, das sich mit dem Klimawandel weiter verschärfen wird.

Das Wichtigste

  • 65 % aller europäischen Regionen erlebten zwischen 2015 und 2024 extreme Sommerdürren – ein klarer Klimatrend.
  • Der gleitende Zehn-Jahres-Durchschnitt der Dürreflächen steigt, trotz kleinerer Flächen in den Jahren 2023 und 2024.
  • In Deutschland sind die Böden bereits im April so trocken wie sonst im Hochsommer, besonders in Ostdeutschland.
  • Die Landwirtschaft leidet unter Ernteausfällen und steigenden Bewässerungskosten, was Lebensmittel verteuert.
  • Waldbrandgefahr und Baumschäden nehmen zu, auch in Städten drohen vorzeitiger Laubfall und Bewässerungsverbote.
  • International verschärft sich die Dürrekrise, etwa in Somalia, wo Hilfsprogramme wegen Mittelkürzungen auslaufen.
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