Haareziehen im Frauenfußball: Nach Roter Karte für Kett fordert DFB-Experte Regeländerung
Im Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Barcelona und Bayern sieht Franziska Kett die Rote Karte – eine Diskussion über einheitliche Bestrafung und mögliche Dutt-Pflicht entbrennt.

GERMANY —
Die Fakten
- FC Barcelona und FC Bayern München trennten sich im Halbfinal-Hinspiel der Champions League 1:1.
- Bayern-Spielerin Franziska Kett erhielt nach einem Haareziehen an Gegnerin Salma Paralluelo die Rote Karte.
- Schiedsrichterin Ivana Martincic traf die Entscheidung, die DFB-Lehrwart Lutz Wagner als regelkonform bestätigte.
- Bei der EM 2022 wurde Kathrin Hendrich (Deutschland) nach Haareziehen an Griedge Mbock (Frankreich) vom Platz gestellt.
- Im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League blieb ein ähnliches Haareziehen von Katie McCabe (Arsenal) unbestraft.
- Bayerns Sportdirektorin Bianca Rech forderte eine Diskussion zur Unterscheidung von absichtlichem und unabsichtlichem Haareziehen.
- Lutz Wagner schlägt eine Dutt-Pflicht ab einer bestimmten Haarlänge vor, wie sie in Judo und Ringen üblich ist.
Ein 1:1 mit Folgen: Rote Karte überschattet Halbfinal-Hinspiel
Im Halbfinal-Hinspiel der Champions League der Frauen trennten sich der FC Barcelona und der FC Bayern München am vergangenen Wochenende 1:1. Doch das Ergebnis rückte in den Hintergrund, als Bayern-Spielerin Franziska Kett im Zweikampf ihrer Gegnerin Salma Paralluelo an den Haaren zog. Schiedsrichterin Ivana Martincic zögerte nicht und zeigte Kett die Rote Karte. Der Platzverweis löste eine hitzige Debatte aus. Während einige die Härte der Entscheidung kritisierten, verteidigte Lutz Wagner, DFB-Lehrwart und Regelexperte, die Aktion der Unparteiischen. „Haare-Ziehen liegt im Ermessen der Schiedsrichterin“, erklärte Wagner. Das Regelwerk könne nicht jeden Fall genau beschreiben, daher sei es ein sogenanntes Halten – unabhängig davon, ob am Trikot, am Arm oder an den Haaren gezogen werde. Die Schiedsrichterin müsse einschätzen, wie gravierend der Vorfall sei und ob Absicht vorliege. Da die Haare am Kopf verankert seien, gelte besondere Vorsicht: Alles, was gefährlich für den Kopf sein könne, werde strenger bewertet. „In dem Fall ist es dann verwerflicher, als wenn ich nur an einem Trikot ziehe“, so Wagner.
Kein Einzelfall: Unterschiedliche Bestrafung sorgt für Unverständnis
Der Vorfall um Franziska Kett ist kein Einzelfall im Frauenfußball. Bereits bei der Europameisterschaft im vergangenen Sommer wurde die deutsche Nationalspielerin Kathrin Hendrich im Viertelfinale gegen Frankreich des Feldes verwiesen, nachdem sie die Französin Griedge Mbock im Strafraum am Schopf gezogen hatte. Die Folge: Platzverweis und Elfmeter. Nur wenige Wochen zuvor, im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League, griff Arsenals Katie McCabe Alyssa Thompson vom FC Chelsea im Mittelfeld in die Haare und hinderte sie so am Start eines Angriffs. Dieses Mal jedoch gab es weder Pfiff noch Karte – auch der Videoschiedsrichter griff nicht ein. Diese Inkonsistenz verunsichert Spielerinnen und Fans gleichermaßen. Die Frage nach einer einheitlichen Linie drängt sich auf: Für das eine Haareziehen gibt es glatt Rot, für das andere, ebenso offensichtliche und folgenschwere, nicht einmal einen Freistoß. Kein Wunder, dass Forderungen nach Regeländerungen laut werden.
Bayerns Sportdirektorin fordert Diskussion – DFB-Experte schlägt Dutt-Pflicht vor
Bayerns Sportdirektorin Bianca Rech sprach sich nach der Partie für eine Diskussion zur Unterscheidung von absichtlichem und unabsichtlichem Haareziehen aus. Sie sieht dringenden Klärungsbedarf, um die Spielerinnen zu schützen und die Entscheidungen der Schiedsrichter zu vereinheitlichen. Lutz Wagner unterstützt diesen Vorstoß, geht aber einen Schritt weiter. „Ich finde es nicht gut, wenn man es jetzt nur auf die Schiedsrichterin verlagert und sagt, sie muss immer entscheiden, ob das Absicht ist, ob das keine Absicht ist, ob das Haar zu lang ist, ob das Haar zu kurz ist“, kritisierte der Regelexperte. Statt die Wirkung zu bekämpfen, solle man die Ursache angehen. Wagner schlägt vor, Spielerinnen ab einer bestimmten Haarlänge zu verpflichten, die Haare zu fixieren – etwa in einem Dutt. „Wenn wir einfach sagen, diese Haare sind so nicht zu tragen, sondern von mir aus eben abzubinden, dann wäre damit eine klare Vorgabe gemacht“, so Wagner.
Vorbild Judo und Ringen: Fixierte Frisuren als Schutzmaßnahme
Die Idee einer Dutt-Pflicht ist nicht neu. In anderen Sportarten wie Judo oder Ringen ist das zwingende Fixieren der Frisuren am Kopf bereits etabliert. Dort geht es ebenfalls um den Schutz der Athleten: Lange, ungebundene Haare können bei Bewegungen um sich schlagen und sowohl die Trägerin als auch die Gegnerin gefährden. Wagner zieht einen Vergleich zum Schmuck, der abgelegt oder abgetaped werden muss. „Er darf zumindest weder die Spielerin noch die Gegnerin gefährden. Wenn eine Spielerin ein zu langes Haar hat und der Zopf schlägt bei der Bewegung um sich, dann kann das sehr wohl nicht nur für die Spielerin gefährlich sein, sondern auch für die Gegnerin gefährlich sein“, erklärte er. Eine solche Regelung würde die Entscheidung der Schiedsrichter erleichtern und für mehr Einheitlichkeit sorgen. Statt im Einzelfall über Absicht oder Gefährdung zu urteilen, gäbe es eine klare Vorgabe, die von vornherein Risiken minimiert.
Ausblick: Steht eine Regeländerung bevor?
Die Debatte um das Haareziehen im Frauenfußball ist noch nicht abgeschlossen. Die Rote Karte gegen Franziska Kett hat ein grundsätzliches Problem offengelegt: die uneinheitliche Bestrafung ähnlicher Aktionen. Während die einen mit Rot vom Platz müssen, bleiben andere ungestraft. Die Forderungen nach einer Regeländerung werden lauter. Bianca Rech und Lutz Wagner haben konkrete Vorschläge eingebracht, die nun diskutiert werden müssen. Ob eine Dutt-Pflicht tatsächlich kommt, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass der Schutz der Spielerinnen und die Fairness des Spiels im Mittelpunkt stehen müssen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Fußballverband auf die Vorfälle reagiert und eine einheitliche Linie findet. Bis dahin bleibt die Unsicherheit bestehen – für Spielerinnen, Schiedsrichter und Fans gleichermaßen.
Das Wichtigste
- Franziska Kett (FC Bayern) erhielt im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Barcelona die Rote Karte wegen Haareziehens an Salma Paralluelo.
- Schiedsrichterin Ivana Martincic handelte nach Ermessen, was DFB-Lehrwart Lutz Wagner als regelkonform bestätigte.
- Ähnliche Vorfälle bei der EM 2022 (Hendrich) und im Champions-League-Viertelfinale (McCabe) wurden unterschiedlich geahndet – einmal Rot, einmal keine Strafe.
- Bayerns Sportdirektorin Bianca Rech fordert eine Diskussion zur Unterscheidung von absichtlichem und unabsichtlichem Haareziehen.
- Lutz Wagner schlägt eine Dutt-Pflicht ab einer bestimmten Haarlänge vor, wie sie in Judo und Ringen üblich ist.
- Die uneinheitliche Bestrafung von Haareziehen im Frauenfußball sorgt für Verunsicherung und ruft nach klaren Regeln.



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