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Russell Crowe spielt Hermann Göring in neuem Film „Nürnberg“

Ein Hollywood-Drama beleuchtet die Nürnberger Prozesse und die komplexe Beziehung zwischen Psychiater und Kriegsverbrecher.

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Russell Crowe spielt Hermann Göring in neuem Film „Nürnberg“
Ein Hollywood-Drama beleuchtet die Nürnberger Prozesse und die komplexe Beziehung zwischen Psychiater und KriegsverbrechCredit · Ntv

Die Fakten

  • Der Film „Nürnberg“ thematisiert die Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse.
  • Russell Crowe verkörpert Reichsmarschall Hermann Göring.
  • Rami Malek spielt den Psychiater Douglas M. Kelley, der die Angeklagten betreute.
  • Der Film konzentriert sich auf das psychologische Duell zwischen Kelley und Göring.
  • Hermann Göring war nach Adolf Hitler die Nummer zwei im NS-Regime.
  • Albert Göring, Hermanns Bruder, unterstützte Juden und Regimegegner.
  • Der Film nutzt Originalaufnahmen aus Konzentrationslagern.

Hollywood-Porträt eines NS-Größenwahn

Der Hollywoodstar Russell Crowe schlüpft in die Rolle des Reichsmarschalls und Kriegsverbrechers Hermann Göring im neuen Film „Nürnberg“. Das Werk von Regisseur James Vanderbilt verspricht, die komplexen psychologischen Dynamiken während der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg zu beleuchten. Göring, einst die rechte Hand Adolf Hitlers und die unangefochtene Nummer zwei im NS-Staat, wird hier als jovialer Manipulator und überlebensgroßer Machtmensch dargestellt. Der Film wirft damit einen Blick auf die menschliche Seite von Tätern, die oft als reine Monster wahrgenommen werden. Der Film basiert auf der wahren Geschichte des Psychiaters Douglas M. Kelley, dargestellt von Rami Malek. Kelley war damit beauftragt, die angeklagten NS-Größen zu begutachten und zu betreuen. Im Laufe des Prozesses entwickelte Kelley eine unerwartete Zuneigung zu Göring, die erst zerbrach, als ihm das Ausmaß von Görings Verstrickung in den Holocaust bewusst wurde. Dieses psychologische Duell bildet den Kern des Courtroom-Dramas, das die monumentalen Prozesse auf ein intimes Duell reduziert. Die Darstellung Görings als jovialer Manipulator steht im Kontrast zu den Gräueltaten, für die er verantwortlich war. Russell Crowes Göring begegnet dem US-Chefankläger Robert Jackson mit einer solchen Überlegenheit, dass dieser sich gezwungen sieht, Kelley um Unterstützung zu bitten. Der Film spitzt die historischen Ereignisse zu, um ein packendes Drama zu inszenieren, auch wenn dies zu historischen Ungenauigkeiten führt.

Der Nürnberger Prozess als Kulisse

Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, der Ende 1945 begann, diente als Hintergrund für die filmische Auseinandersetzung. Regisseur James Vanderbilt verdichtet das Geschehen zu einem packenden Schlagabtausch, der die tagelangen, schleppenden Kreuzverhöre erheblich verkürzt. Der Film suggeriert, die Alliierten hätten die Angeklagten primär durch die Erkenntnisse eines Psychiaters überführt, was die Bedeutung tausender Dokumente und hunderter Zeugenaussagen in den Hintergrund drängt. Diese Vereinfachung dient der dramaturgischen Zuspitzung des Films. Die Inszenierung des Prozesses als Courtroom-Drama lässt jedoch weite Teile der historischen Einzigartigkeit und des Umfangs der Verhandlungen unberücksichtigt. Während Görings Auftritt im Fokus steht, bleibt der Prozess selbst eine Leerstelle. Die filmische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit stellt eine besondere Herausforderung dar; nur wenige Regisseure gelingt es, das Grauen der Verbrechen überzeugend darzustellen. Der Einsatz erschütternder Filmaufnahmen aus den Konzentrationslagern, die damals vor Gericht gezeigt wurden, wirkt in dem hochglanzpolierten Unterhaltungsfilm fast deplatziert. „Nürnberg“ liefert keine tiefgehende Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung, sondern erliegt selbst der Faszination des Bösen. Der Film verwebt Spielszenen mit Originalaufnahmen und Neudrehs, um ein eindringliches Bild zu zeichnen, das jedoch die historischen Fakten für dramatische Effekte vereinfacht.

Der Kontrast: Hermann und Albert Göring

Der Film beleuchtet Hermann Göring, die Nummer zwei des NS-Regimes nach Adolf Hitler, doch die Geschichte birgt auch die Figur seines Bruders Albert. Während Hermann ein machtbesessener und eitler Nationalsozialist war, der Hitler von Anfang an treu ergeben war, lehnte Albert die Ideologie und Brutalität der Nazis ab. Albert Göring, ein studierter Maschinenbauer, der in Wien im Filmgeschäft tätig war, beobachtete mit Sorge die Verfolgung von Juden und politischen Gegnern in Deutschland. Albert Göring nutzte seinen berühmten Namen, um Verfolgten zu helfen. Er besorgte falsche Papiere, organisierte Fluchtrouten und versorgte Flüchtlinge mit Geld. Selbst sein Bruder Hermann, so wird berichtet, bat er um Hilfe, etwa als er sich für die Schauspielerin Henny Porten einsetzte, die sich weigerte, sich von ihrem jüdischen Ehemann zu trennen. Auch intervenierte er bei Hermann, um die Ehe des Komponisten Franz Lehár mit seiner jüdischen Frau Sophie als privilegierte Mischehe anerkennen zu lassen, was Sophie vor der Deportation bewahrte. Die Beziehung zwischen den Brüdern war komplex. Albert Göring bereitete seinem mächtigen Bruder zwar „große Kopfschmerzen“, doch Hermann deckte ihn, da er ihn liebte und seine Familie an erste Stelle setzte. Diese Hierarchie – erst die Familie, dann das Vaterland und der Nationalsozialismus – ermöglichte es Albert, trotz seiner Gegnerschaft zum Regime, seine Rettungsaktionen durchzuführen. Diese familiäre Bindung bot einen Schutzschild, der Albert die Möglichkeit gab, Leben zu retten, während sein Bruder für die Verbrechen des NS-Staates verantwortlich war.

Historische Einordnung und filmische Freiheit

Die Nürnberger Prozesse markierten einen wichtigen Schritt in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Sie waren ein monumentales Ereignis, das die Weltöffentlichkeit mit dem Ausmaß der Verbrechen konfrontierte. Der Film „Nürnberg“ versucht, diese historische Bedeutung einzufangen, reduziert das Geschehen jedoch auf ein persönliches Drama zwischen Kelley und Göring. Diese dramaturgische Verdichtung führt dazu, dass die historische Realität vereinfacht und verzerrt wird, wie etwa die Darstellung der Beweisführung der Alliierten. Die filmische Darstellung von Tätern als komplexe Charaktere, die nicht nur als Monster erscheinen, ist eine unbequeme Wahrheit, die der Film anspricht. Diese Herangehensweise wirft Fragen nach Schuld, Verantwortung und der menschlichen Natur auf. Dennoch kritisiert der Film, dass „Nürnberg“ keine echte Auseinandersetzung mit diesen Themen bietet, sondern sich zu sehr von der Faszination des Bösen leiten lässt. Der Film reiht sich ein in eine Reihe von Produktionen, die versuchen, die NS-Zeit und den Holocaust zu verarbeiten. Werke wie „Treasure“ oder „Zone of Interest“ bieten andere, oft direktere Blicke auf die Schrecken von Auschwitz und dem Holocaust. „Nürnberg“ hingegen konzentriert sich auf die psychologischen Verstrickungen im Nachkriegsdeutschland, während die deutschen Städte noch in Trümmern lagen. Die filmische Aufarbeitung bleibt eine Gratwanderung zwischen historischer Genauigkeit und künstlerischer Freiheit.

Das Wichtigste

  • Der Film „Nürnberg“ thematisiert die Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse mit Russell Crowe als Hermann Göring und Rami Malek als Psychiater Douglas M. Kelley.
  • Das Drama konzentriert sich auf die psychologische Beziehung zwischen Kelley und Göring, vereinfacht aber die historischen Abläufe des Prozesses.
  • Hermann Göring war eine Schlüsselfigur im NS-Regime, während sein Bruder Albert Göring als Widerstandskämpfer und Retter von Verfolgten agierte.
  • Albert Göring nutzte seinen Namen und die familiäre Verbindung zu seinem Bruder, um Juden und Regimegegnern zu helfen.
  • Der Film nutzt Originalaufnahmen aus Konzentrationslagern, was die Gratwanderung zwischen Unterhaltung und historischer Aufarbeitung verdeutlicht.
  • „Nürnberg“ wirft Fragen nach der Komplexität von Tätern auf, liefert aber keine tiefgehende Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung.
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