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Buckelwal Timmy in der Nordsee freigelassen – Fragen zu Zeitpunkt und Transparenz bleiben

Der Wal verließ am Samstagmorgen den Lastkahn, doch Tierärztin Kirsten Tönnies kritisiert die Freisetzung als verfrüht und wirft der Schiffscrew mangelnde Kooperation vor.

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Buckelwal Timmy in der Nordsee freigelassen – Fragen zu Zeitpunkt und Transparenz bleiben
Der Wal verließ am Samstagmorgen den Lastkahn, doch Tierärztin Kirsten Tönnies kritisiert die Freisetzung als verfrüht uCredit · ORF

Die Fakten

  • Buckelwal Timmy wurde am Samstag, 30. April, gegen 9 Uhr in der Nordsee freigelassen, etwa 70 km von Skagen entfernt.
  • Der Wal lag 29 Tage vor der Insel Poel und war insgesamt rund 60 Tage in der Ostsee.
  • Die private Rettungsinitiative wurde von Walter Gunz (Mediamarkt-Mitgründer) und Karin Walter-Mommert finanziert.
  • Tierärztin Kirsten Tönnies warf der Schiffscrew vor, den Wal zu früh freigesetzt zu haben; die Reederei widerspricht.
  • Ein Peilsender am Wal funktioniert nur eingeschränkt; Standortdaten werden nur der Initiative und dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns zugänglich gemacht.
  • Greenpeace hält den Rettungsversuch für gescheitert und schätzt die Überlebenschancen als äußerst gering ein.
  • Das dänische Umweltministerium teilte mit, gestrandete Wale grundsätzlich nicht zu retten.

Freilassung in der Nordsee – ein unklares Ende

Am Samstagvormittag gegen 9 Uhr war der Buckelwal Timmy nicht mehr im Lastkahn. Das bestätigte Jens Schwarck, Mitglied der privaten Rettungsinitiative, der Deutschen Presse-Agentur. Der Konvoi befand sich zu diesem Zeitpunkt rund 70 Kilometer von der dänischen Stadt Skagen entfernt, im Übergang von der Ost- zur Nordsee. Wie genau der Wal die Barge verließ, ist nicht dokumentiert. Öffentlich zugängliche Videoaufnahmen der Freisetzung existieren nicht. Die Tierärztin Kirsten Tönnies von der Initiative kritisierte, dass der Wal aus ihrer Sicht zu früh freigesetzt worden sei. Die See sei ruhig gewesen wie ein „Ententeich“, es habe keinen Grund gegeben, nicht einen vorsichtigeren, schrittweisen Entladeversuch zu unternehmen. Die Bereederungsgesellschaft des Begleitschiffs „Robin Hood“ stellte die Situation anders dar. Die Freisetzung sei in Abstimmung mit allen Beteiligten erfolgt. Das Tier sei durch Seegang wiederholt gegen die Wände der Barge gestoßen, es habe „viele riskante Manöver“ während des Transports gegeben.

Vorwürfe der Tierärztin gegen die Schiffscrew

Kirsten Tönnies erhob schwere Vorwürfe gegen die Besatzung. Sie sagte nach ihrer Ankunft mit der „Fortuna B“ in Cuxhaven, ihr sei an Bord „mulmig“ gewesen, sie habe sich nachts eingeschlossen. „Mit dem Kapitän war leider überhaupt nicht zu reden“, behauptete sie. Der Mann sei aggressiv gewesen, einmal sei er knallrot und vor Wut zitternd auf sie zugekommen und habe gedroht, sie „in Arrest zu nehmen“. Die Leute von der Initiative seien „belogen und betrogen“ worden, so Tönnies weiter. Die Reederei wies die Vorwürfe zurück. Die Freisetzung sei einvernehmlich erfolgt. Der Wal habe zuvor durch den Seegang wiederholt Schaden genommen. Drohnenbilder zeigten, dass das Tier nach Entfernung des Absperrnetzes am Freitagnachmittag in der Barge blieb, überwiegend in einer Ecke liegend. Walforscher Fabian Ritter deutete dies als Zeichen von Entkräftung: „Auf mich hat das den Eindruck gemacht, als wäre der Wal nach wie vor so entkräftet, dass er einfach zu starken Reaktionen gar nicht mehr in der Lage war.“

Gesundheitszustand und Überlebenschancen umstritten

Der vier bis sechs Jahre alte Walbulle war Anfang März erstmals in der Ostsee gesichtet worden. In den etwa 60 Tagen bis zum Transport lag er rund zwei Drittel der Zeit in Flachwasserzonen. Am Dienstag wurde er vor der Insel Poel in einen Lastkahn bugsiert und an einen Schlepper gekoppelt Richtung Nordsee gezogen. Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betonte, von einer Rettung könne man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befinde und dort langfristig überlebe. Nach der langen Liegezeit sei fraglich, ob der Wal noch normal schwimmen und tauchen könne, so Meeresbiologe Fabian Ritter. Die Nahrungsaufnahme sei zudem wegen im Maul gefundener Netzteile unsicher. Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte zuletzt unter Berufung auf Tierärzte der Initiative betont, der Gesundheitszustand des Wals sei gut. Walter-Mommert bestätigte, der Wal schwimme eigenständig und in die richtige Richtung; Beeinträchtigungen seien nicht zu erkennen gewesen. Der Wal habe lediglich kleinere Blessuren erlitten.

Fehlende Transparenz und Kritik von Greenpeace

Die Umweltorganisation Greenpeace äußerte sich nach der Freilassung ernüchtert. Sie hält den Rettungsversuch für gescheitert und schätzt die Überlebenschancen des Wals als äußerst gering ein. Greenpeace fordert mehr Transparenz, etwa durch die Veröffentlichung der Trackingdaten. Die Position des Wals war am Sonntag unklar. Ein Peilsender funktioniert nur eingeschränkt, wie Initiatorin Karin Walter-Mommert der AFP mitteilte. Signale vom Samstagnachmittag deuteten darauf hin, dass das Tier in die richtige Richtung – Nordwesten zur norwegischen Atlantikküste – schwamm. Vitalwerte wie die Atmung nach Tauchgängen wurden noch 24 Stunden nach Verlassen des Lastkahns übermittelt. Die Allgemeinheit wird den Weg des Wals nicht verfolgen können: Die Standortdaten werden nur den Teammitgliedern der Privatinitiative und dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns zur Verfügung gestellt, wie Rechtsanwältin Constanze von der Meden betonte. Auch ein vereinbartes Videosystem auf der Barge wurde nicht installiert, kritisierte Minister Backhaus.

Hintergrund: Eine private Rettungsaktion gegen alle Widerstände

Der Buckelwal war Ende März vor Niendorf gestrandet. Erste Rettungsversuche scheiterten, der Wal schwamm sich mehrfach frei, strandete aber immer wieder. Eine private Initiative, finanziert von Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, startete am 16. April eine Rettungsaktion. Nachdem der Wal sich erneut freigeschwommen hatte, wurde eine Rinne gebaggert und der Lastkahn in Stellung gebracht. Am 28. April verließ der Wal im Lastkahn die Kirchsee bei Poel. Der Transport führte entlang der dänischen Küste. Am 30. April erreichte der Konvoi die Nordsee. Die Reederei sprach von einem Erfolg. Die Geldgeberin Walter-Mommert bezeichnete die letzten Minuten vor der Freilassung als „ein Rätsel“. Das dänische Umweltministerium hatte zuvor mitgeteilt, dass man gestrandete Meeressäugetiere prinzipiell nicht rette. Strandungen seien ein natürlich vorkommendes Phänomen, Wale sollten nicht durch menschliches Eingreifen gestört werden.

Offene Fragen und Ausblick

Ob der Wal überleben wird, bleibt ungewiss. Die WDC betont, eine Rettung sei erst gegeben, wenn der Wal den Nordatlantik erreicht und langfristig überlebt. Experten warnen, das Tier könnte erneut gezielt zur Küste schwimmen, wie das Deutsche Meeresmuseum erklärte: „In verschiedenen Regionen der Welt ist dokumentiert, dass Großwale bei ausgeprägter Erschöpfung vermehrt flache Küstengewässer mit weichem Untergrund aufsuchen.“ Sollte Timmy an der dänischen Küste stranden, wird er dort nicht gerettet werden. Das dänische Umweltministerium lehnt Eingriffe grundsätzlich ab. Die privaten Retter haben getan, was sie konnten – nun liegt es am Wal und der Natur.

Das Wichtigste

  • Buckelwal Timmy wurde am 30. April in der Nordsee freigesetzt, nachdem er 60 Tage in der Ostsee verbracht hatte.
  • Die Freisetzung erfolgte nach Ansicht der Tierärztin Kirsten Tönnies zu früh; die Reederei widerspricht.
  • Der Gesundheitszustand des Wals ist umstritten: Die Initiative spricht von guter Verfassung, externe Experten bezweifeln die Überlebensfähigkeit.
  • Greenpeace hält die Rettungsaktion für gescheitert und fordert mehr Transparenz bei den Trackingdaten.
  • Dänemark wird den Wal bei einer erneuten Strandung nicht retten; die Überlebenschancen sind ungewiss.
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