Grundwasserstress in jedem zweiten deutschen Landkreis – Studie belegt systematische Übernutzung
Eine neue BUND-Studie zeigt, dass in 201 von 401 Landkreisen die Grundwasserreserven durch Entnahme und Klimawandel gefährdet sind, während die EU ihre Frist für sauberes Grundwasser auf 2039 verschiebt.

AUSTRIA —
Die Fakten
- In 201 von 401 deutschen Landkreisen herrscht Grundwasserstress, 94 sind akut betroffen.
- 2021 befand sich knapp ein Drittel des deutschen Grundwassers in einem chemisch schlechten Zustand.
- Im Norden Deutschlands gilt mehr als die Hälfte der Grundwasserkörper als belastet.
- Die EU verschob die Frist für einen guten chemischen Zustand aller Gewässer von 2027 auf 2039, in Ausnahmefällen bis 2045.
- Der BUND fordert eine Drosselung des Verbrauchs, faire Preise und Priorisierung von Mensch und Natur.
- Das seit 1991 verbotene Pflanzenschutzmittel Atrazin wird noch immer am häufigsten im Grundwasser nachgewiesen.
Krise unter der Oberfläche
Deutschland verliert Wasser. In 201 von 401 Landkreisen herrscht Grundwasserstress – das bedeutet, dass so viel Grundwasser entnommen wird oder sich durch die Klimakrise weniger neu bildet, dass abhängige Ökosysteme Schaden nehmen können. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute veröffentlichte Studie des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) durchführte. 94 Landkreise sind von akutem Grundwasserstress betroffen, wo die Grundwasserstände in den letzten Jahren signifikant gesunken sind. In nahezu allen Bundesländern haben die Messstellen neue Tiefststände verzeichnet. Besonders betroffen sind nicht nur die bekannten Trockenregionen im Osten, sondern auch Ballungszentren wie die Rheinschiene und Regionen in Niedersachsen.
Mehr als die Hälfte des Grundwassers fließt in die Trinkwasserversorgung
Die Studie analysiert erstmals flächendeckend, wo und von wem Grundwasser in Deutschland genutzt wird. Über die Hälfte des entnommenen Grundwassers dient der Trinkwasserversorgung und wird teils mehrere hundert Kilometer weit in größere Städte transportiert. Aber auch Bergbau, verarbeitendes Gewerbe und Landwirtschaft tragen zur Übernutzung bei: Der Braunkohletagebau senkt durch das Abpumpen riesiger Wassermengen die Grundwasserspiegel, und die chemische Produktion, etwa in Ludwigshafen, benötigt erhebliche Mengen. In landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen wie dem Heidekreis sorgt Bewässerung für sinkende Pegelstände. Obwohl die Landwirtschaft bisher einen kleineren Anteil am Gesamtverbrauch hat, ist ihr Bedarf in den letzten Trockenjahren gestiegen. In einigen Landkreisen werden bereits beträchtliche Mengen Grundwasser zur Bewässerung genutzt.
Chemische Belastung: Nitrat und Pestizide belasten das Grundwasser vor allem im Norden
Neben der Menge leidet auch die Qualität des Grundwassers. Messdaten zeigen: 2021 befand sich knapp ein Drittel des deutschen Grundwassers in einem chemisch schlechten Zustand. Im Norden ist die Lage noch prekärer: Hier gilt mehr als die Hälfte der Grundwasservorkommen als belastet. Als schlecht gilt ein Grundwasserkörper, wenn in mehr als 20 Prozent der Messstellen die Grenzwerte für bestimmte Schadstoffe oder Nährstoffe überschritten werden. Die hohe Belastung ist laut Landesbehörden vor allem auf Nitrat sowie Pflanzenschutzmittel und deren Abbauprodukte zurückzuführen. Hauptursachen sind der hohe Viehbestand und die intensive Landwirtschaft. „Der hohe Einsatz von Düngemitteln führt zu Nährstoffüberschüssen, die nicht vollständig von den Pflanzen aufgenommen werden und ins Grundwasser gelangen können“, so der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Sandige Böden im Norden verschärfen das Problem, da sie Nährstoffe schlecht zurückhalten.
Gesundheit ungefährdet, aber Kosten steigen
Für Verbraucherinnen und Verbraucher besteht laut Umweltbundesamt keine unmittelbare Gesundheitsgefahr, da das Grundwasser vor der Nutzung als Trinkwasser umfassend aufbereitet wird. Allerdings treibt die Verschmutzung die Kosten: Je mehr Schadstoffe ins Wasser gelangen, desto aufwendiger muss es gereinigt werden. „Das kostet Geld, und das zahlt der Verbraucher“, sagt Falk Hilliges vom Umweltbundesamt. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2022 beziffert die Mehrkosten: 10 Milligramm Nitrat pro Liter führen zu einem Kostenanstieg von etwa 110.000 Euro für ein durchschnittliches Unternehmen mit 50.000 Kundinnen und Kunden. „Das Aufbereiten des Wassers macht zwar nicht den größten Teil der Kosten aus, aber es sind Kosten, die hinzukommen und im Zweifel bei den Verbrauchern landen“, so Studienautorin Astrid Cullmann.
EU-Ziele in weite Ferne gerückt
Die Europäische Union hatte 2000 mit der Wasserrahmenrichtlinie Grenzwerte festgelegt und das Ziel ausgegeben, dass bis 2027 alle Gewässer in einem chemisch guten Zustand sein sollen. „Aber davon sind wir noch sehr weit entfernt“, sagt Hilliges. Die jüngsten Daten von der Messperiode 2015 bis 2021 zeigen: Das Ziel wird nicht erreicht. Die EU hat die Frist daher vorläufig auf 2039 verschoben, in besonderen Fällen sogar bis 2045. „Aber selbst diese Frist wird die Mitgliedsstaaten vor große Herausforderungen stellen“, kommentiert Hilliges. Ein großes Problem ist das „lange Gedächtnis“ des Grundwassers: Es kann Jahrzehnte dauern, bis Schadstoffe abgebaut sind. Häufig geht der schlechte Zustand auf frühere Einträge zurück. So wird das Pflanzenschutzmittel Atrazin, das seit 1991 in Deutschland verboten ist, noch immer am häufigsten im Grundwasser nachgewiesen.
Erste Erfolge durch strengere Düngeregeln – BUND fordert weitergehende Maßnahmen
Aus Sicht der zuständigen Behörde in Niedersachsen hat sich die Lage bereits verbessert, seit der Europäische Gerichtshof Deutschland 2018 wegen unzureichender Maßnahmen gegen hohe Nitratwerte verurteilte. Seitdem gelten strengere Vorgaben für den Düngereinsatz. Auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern setzen auf Wasserschutzzonen und feste Zeiträume für die Düngerausbringung. Hilliges sieht ebenfalls Erfolge: Der chemische Zustand des Grundwassers habe sich über die Jahre insgesamt leicht verbessert. Der BUND fordert nun weitergehende Schritte: Weniger verbrauchen und fair verteilen. Deutschland müsse seinen Verbrauch drosseln, Nutzungen priorisieren, damit Mensch und Natur verlässlich mit Wasser versorgt werden. Zu einem gerechten Wasserzugang gehöre, dass alle einen fairen Preis zahlen – derzeit sind die Entgelte Ländersache, und Großnutzungen sind mancherorts kostenfrei. Die Nationale Wasserstrategie der Bundesregierung sehe viele wirksame Maßnahmen vor, die zeitnah umgesetzt werden sollten.
Das Wichtigste
- In 201 von 401 Landkreisen herrscht Grundwasserstress, 94 sind akut betroffen – die Klimakrise verschärft die Lage.
- Über die Hälfte des Grundwassers wird für Trinkwasser entnommen, aber auch Bergbau, Industrie und Landwirtschaft tragen zur Übernutzung bei.
- Chemisch ist knapp ein Drittel des Grundwassers in schlechtem Zustand, im Norden mehr als die Hälfte – Hauptursachen sind Nitrat und Pestizide aus der Landwirtschaft.
- Die EU hat die Frist für einen guten chemischen Zustand von 2027 auf 2039/2045 verschoben, da die Ziele klar verfehlt werden.
- Strengere Düngeregeln zeigen erste Erfolge, doch der BUND fordert eine Drosselung des Verbrauchs und faire Preise für Wasser.







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