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Valie Export: Medienkünstlerin und feministische Ikone mit 85 Jahren gestorben

Die weltbekannte österreichische Künstlerin, Pionierin des Aktionismus, verstarb in Wien. Ihr Werk prägte Generationen und forderte gesellschaftliche Normen heraus.

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Valie Export: Medienkünstlerin und feministische Ikone mit 85 Jahren gestorben
Die weltbekannte österreichische Künstlerin, Pionierin des Aktionismus, verstarb in Wien. Ihr Werk prägte Generationen uCredit · ORF

Die Fakten

  • VALIE EXPORT starb am Donnerstag in Wien im Alter von 85 Jahren.
  • Sie war eine Pionierin des feministischen Aktionismus und der Medienkunst.
  • Ihr Künstlername, VALIE EXPORT, war ein Statement, das sie ab 1966 verwendete.
  • Sie wurde 1940 als Waltraud Lehner in Linz geboren.
  • Ihr Werk setzte sich kritisch mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung des weiblichen Körpers auseinander.
  • VALIE EXPORT nahm an zahlreichen internationalen Ausstellungen teil, darunter die documenta und das MoMA.
  • Sie war 1980 offizielle Vertreterin Österreichs auf der Biennale in Venedig.

Eine Ikone des Aufbruchs ist verstummt

Die weltbekannte Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT ist am Donnerstag in Wien gestorben. Wenige Tage vor ihrem 86. Geburtstag verliert die Kunstwelt eine ihrer einflussreichsten und provokativsten Stimmen. Die als Waltraud Lehner 1940 in Linz Geborene wurde unter ihrem Künstlernamen zu einer Ikone der feministischen Avantgarde und zu einer unbeugsamen Vordenkerin, die gesellschaftliche Normen und insbesondere die Rolle der Frau herausforderte. Ihr Tod, der von der VALIE EXPORT Stiftung bekannt gegeben wurde, markiert das Ende einer Ära. VALIE EXPORT stand für die Einheit von gesellschaftlichem, künstlerischem und persönlichem Aufbruch. Ihr Werk, das oft an der Grenze des Sagbaren operierte, prägte Generationen von Kunstschaffenden und forderte das Publikum unermüdlich heraus, über Körper, Geschlecht und Macht zu reflektieren. Bundespräsident Alexander Van der Bellen würdigte sie als "Ikone der Freiheit" und eine Künstlerin, "die sich selbst schuf". Ihr Wandel von Waltraud Lehner zu VALIE EXPORT sei ein Akt der Selbstermächtigung gewesen, der ihr gesamtes Schaffen vorwegnahm. Sie sei eine der wenigen Frauen in einer männlich dominierten Avantgarde gewesen und die mutigste Stimme unter ihnen.

Von der Provokation zur Anerkennung

VALIE EXPORTs künstlerischer Weg war geprägt von radikalen Aktionen, die das Publikum oft schockierten und empörten. Bereits 1968 erregte sie mit ihrem "Tapp und Tastkino" Aufsehen: Vor ihrer nackten Brust befestigt, lud die Aktion Passanten in der Wiener Innenstadt ein, ihren Oberkörper durch einen Vorhang zu ertasten. Ein Jahr später, 1969, spazierte sie mit einer aufgeschnittenen Hose während eines Filmfestivals in München in einen Kinosaal und präsentierte ihr Schamhaar – eine provokante Geste, die die Darstellung von Frauen als reine Lustobjekte anprangerte. Diese Performances, die oft als Meilensteine des feministischen Aktionismus gelten, waren Teil ihres kompromisslosen Kampfes für die Gleichstellung von Mann und Frau. Ihr Motto lautete: "Kunst muss aggressiv sein." Sie nahm unerschrocken intime, tabuisierte oder gesellschaftlich verdrängte Inhalte in den Blick und setzte sich kritisch mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Normierung des weiblichen Körpers auseinander. Ihr Schaffen wurde lange angefeindet; sie selbst erlebte Anfeindungen und wurde einmal sogar mit einer Bierflasche attackiert. Doch VALIE EXPORT bereute ihre radikale Haltung nie. "Ich konnte gar nicht anders, ich musste Konventionen aufbrechen", sagte sie einst. Ihr Leben widmete sie dem Kampf für künstlerische Freiheit und Gleichberechtigung.

Ein Leben im Zeichen des Aufbruchs und der Selbstermächtigung

Geboren als Waltraud Lehner, schuf sie sich mit dem Künstlernamen VALIE EXPORT ein unübersehbares Statement. Der Name, angelehnt an die Zigarettenmarke "Smart Export", war ein Akt der Selbstermächtigung, der ihre frühe Prägung widerspiegelte. Aufgewachsen in einem "Frauenhaushalt" mit drei Schwestern, prägte sie der Gedanke ihrer Mutter, dass jede Tochter studieren und ihr eigenes Geld verdienen solle – eine Botschaft, die VALIE EXPORT in ihrem Werk weitergeben wollte. Ihre Jugend war von Umbrüchen geprägt. Nach der Klosterschule besuchte sie die Kunstgewerbeschule in Linz und wurde mit 18 Jahren schwanger. Sie heiratete, brach aber bald mit ihrer bürgerlichen Existenz und zog 1960 nach Wien. Dort studierte sie Textildesign und fand Anschluss an avantgardistische Künstlerkreise. Aufgrund ihres "Lebenswandels" wurde ihr das Sorgerecht für ihre Tochter entzogen, die später selbst Medienkünstlerin wurde. Diese frühen Erfahrungen von gesellschaftlicher Ächtung und dem Kampf um Autonomie spiegelten sich in ihrem künstlerischen Schaffen wider. Sie verstand Kunst als gesellschaftlichen Diskurs und kämpfte unermüdlich für die Freiheit, eigene Wege zu gehen und Konventionen zu brechen.

Internationale Anerkennung und akademische Laufbahn

VALIE EXPORTs Einfluss reichte weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Ihre Werke wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, darunter im Centre Pompidou in Paris, auf der documenta und im New Yorker MoMA. Ihre Filme wie "Unsichtbare Gegner", "Menschenfrauen" und "Die Praxis der Liebe" liefen bei den Filmfestspielen in Berlin. 1980 vertrat sie gemeinsam mit Maria Lassnig Österreich auf der Biennale in Venedig, und 2009 war sie dort Kommissärin. Ihre akademische Karriere war ebenfalls bemerkenswert: Von 1991 bis 1995 lehrte sie als Professorin für Gestalten mit technischen Bildmedien und war Vizepräsidentin der Hochschule der Künste Berlin. Von 1995 bis 2005 setzte sie ihre Lehrtätigkeit als Professorin für Multimedia-Performance in Köln fort. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang und zeugt von ihrer Bedeutung. Sie erhielt unter anderem den EA-Generali-Skulpturenpreis, den Oskar Kokoschka-Preis, den Alfred-Kubin-Preis, das Goldene Ehrenzeichen Wiens und das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. 2009 wurde ihr das Ehrendoktorat der Kunstuniversität Linz verliehen, und 2014 ehrte sie Yoko Ono in New York mit dem "Courage Award for the Arts".

Ein bleibendes Erbe im Kampf gegen patriarchale Strukturen

VALIE EXPORT blieb bis zuletzt eine kritische Beobachterin gesellschaftlicher Verhältnisse. Anlässlich ihres 80. Geburtstags kritisierte sie in einem Interview die fortbestehende "dominante Männerherrschaft" und patriarchale Strukturen, die zwar verschleiert, aber immer noch stark präsent seien. Sie wies auf die weiterhin bestehenden Defizite bei Gehältern und in Führungspositionen hin, trotz der Errungenschaften der Frauenbewegung. Ihr Werk war stets ein Spiegelbild ihres Engagements für Gleichberechtigung und gegen veraltete Rollenbilder. Sie hinterlässt ein beeindruckendes Œuvre, das die Grenzen der Kunst erweiterte und den Diskurs über weibliche Identität und gesellschaftliche Machtverhältnisse nachhaltig beeinflusste. Die Generaldirektorin des Belvedere, Stella Rollig, hob ihre "kompromisslose Haltung, ihre intellektuelle Schärfe und ihre Radikalität" hervor, die künstlerische Maßstäbe gesetzt hätten. Der ORF würdigt ihren Tod mit einem Programmänderung und zeigt am 17. Mai die Dokumentation "Valie Export - Ikone und Rebellin" sowie ihren Film "Die Praxis der Liebe". Ihr Einfluss als Pionierin der Medien- und Performancekunst sowie als feministische Theoretikerin wird auch künftige Generationen inspirieren und zum Nachdenken anregen.

Das Wichtigste

  • VALIE EXPORT, eine Schlüsselfigur des feministischen Aktionismus und der Medienkunst, ist im Alter von 85 Jahren in Wien verstorben.
  • Ihr Werk zeichnete sich durch provokative Performances aus, die gesellschaftliche Normen, insbesondere in Bezug auf den weiblichen Körper und Geschlechterrollen, hinterfragten.
  • Der von ihr gewählte Künstlername war ein bewusstes Statement der Selbstermächtigung und spiegelte ihre frühe Prägung und ihren Wunsch nach Unabhängigkeit wider.
  • Sie erlebte sowohl heftige Kritik und Anfeindungen als auch internationale Anerkennung und zahlreiche Auszeichnungen für ihr wegweisendes Schaffen.
  • VALIE EXPORT war eine engagierte Kämpferin für Gleichberechtigung und künstlerische Freiheit, deren Einfluss Generationen von Kunstschaffenden prägte.
  • Ihr Vermächtnis lebt in ihren Werken fort, die weiterhin zum Dialog über Körper, Geschlecht und Macht anregen.
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