70 vermeidbare Todesfälle: Der Skandal um die Herzchirurgie am Unispital Zürich
Ein 216-seitiger Untersuchungsbericht enthüllt gravierende Missstände unter Ex-Klinikleiter Francesco Maisano – die Staatsanwaltschaft ermittelt.

SWITZERLAND —
Die Fakten
- 216-seitiger Untersuchungsbericht der unabhängigen Kommission UK 16/20
- 70 Patienten starben aufgrund mangelhafter Behandlungsqualität
- Ex-Klinikleiter Francesco Maisano implantierte umstrittenes 'Cardioband'
- Spitalrat meldete elf Todesfälle und 13 Medizinprodukte-Einsätze der Staatsanwaltschaft
- Bereits im März 2026 gingen Anzeigen wegen fahrlässiger Tötung ein
- Staatsanwaltschaft I, spezialisiert auf Medizinalbereich, ermittelt
- Bericht attestiert 'Systemversagen' und 'Grössenwahn im OP'
Ein Chef mit heikler Doppelrolle
Der 216-seitige Untersuchungsbericht zur Affäre um den ehemaligen Leiter der Herzchirurgie, Francesco Maisano, zeigt gravierende Verfehlungen und eine zu hohe Mortalität. Das Universitätsspital Zürich (USZ) zog daraus sofortige Konsequenzen. Maisano, der bis zu seiner Suspendierung die Klinik leitete, stand im Zentrum eines Skandals, der nun als eines der schwersten Kapitel in der Geschichte des Spitals gilt. Der Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission UK 16/20 deckt auf, dass Maisano in einer heiklen Doppelrolle agierte: Er war nicht nur Klinikleiter, sondern auch stark in die Entwicklung und Implantation des umstrittenen 'Cardiobands' involviert. Dieses Medizinprodukt, das zur Behandlung von Herzklappeninsuffizienz eingesetzt wurde, führte bei zahlreichen Patienten zu tödlichen Komplikationen.
70 Tote – vermeidbare Fehler
Die Kommission stellte fest, dass 70 Patienten aufgrund mangelhafter Behandlungsqualität gestorben sind – eine Zahl, die weit über der statistisch erwartbaren Mortalität liegt. 'Vernichtend', 'inakzeptabel', 'erschütternd' – so beschreiben interne Quellen die Ergebnisse des Berichts. Die Todesfälle seien auf eine Kombination aus überhöhtem Operationsvolumen, mangelnder Qualitätskontrolle und einer toxischen Führungskultur zurückzuführen. Besonders schwer wiegt der Vorwurf des 'Grössenwahns im OP': Maisano soll Eingriffe durchgeführt haben, die medizinisch nicht indiziert waren oder deren Risiken die Patienten nicht vollständig verstanden. Das 'Cardioband' wurde dabei als innovative Lösung beworben, obwohl es in der Praxis fatale Nebenwirkungen zeigte.
Die Rolle der Spitalführung
Der Bericht kritisiert nicht nur Maisano, sondern auch die Spitalführung des USZ. Diese habe jahrelang weggeschaut und Warnsignale ignoriert. Interne Hinweise auf die überhöhte Sterblichkeit seien nicht ausreichend verfolgt worden. Der Spitalrat des USZ räumte auf einer Pressekonferenz ein, dass man die Tragweite der Vorfälle unterschätzt habe. Als Konsequenz entschied der Spitalrat, elf der von der Kommission überprüften Todesfälle sowie 13 Einsätze von Medizinprodukten bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. 'Wir haben versagt', sagte ein Sprecher des Spitalrats. 'Die Verantwortung liegt bei uns.'
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft
Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft bestätigte, dass bereits im März 2026 Anzeigen eingegangen waren. Sprecher Erich Wenzinger erklärte: 'Gemäss heutiger Mitteilung hat der Spitalrat entschieden, bei elf von der Kommission überprüften Todesfällen sowie 13 Einsätzen von Medizinprodukten Anzeige oder Meldung bei der Staatsanwaltschaft zu erstatten. In drei dieser Fälle waren im März 2026 wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung, fahrlässige (schwere) Körperverletzung sowie Urkundenfälschung Anzeigen eingereicht worden.' Diese Anzeigen werden nun von der Staatsanwaltschaft I bearbeitet, die auf Strafuntersuchungen im Medizinalbereich spezialisiert ist. Wenzinger fügte hinzu: 'Die Erkenntnisse aus dem Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission fliessen in die strafrechtliche Beurteilung der Vorkommnisse ein.'
Ein Systemversagen mit politischen Folgen
Der Skandal hat nicht nur medizinische, sondern auch politische Dimensionen. Im Kanton Zürich fordern Oppositionspolitiker eine umfassende Aufklärung und Konsequenzen für die Spitalführung. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen zur Aufsicht über Spitäler und zur Qualitätssicherung in der Herzchirurgie auf. Experten sprechen von einem 'Systemversagen', das über Einzelfälle hinausgeht. Die hohe Zahl vermeidbarer Todesfälle deute auf strukturelle Mängel hin: unzureichende Kontrollmechanismen, mangelnde Transparenz und eine Kultur, die Innovation über Patientensicherheit stellte. Das USZ hat angekündigt, die Empfehlungen des Berichts umzusetzen, doch der Vertrauensverlust ist enorm.
Was bleibt – offene Fragen
Der Bericht ist veröffentlicht, die Ermittlungen laufen – doch viele Fragen sind offen. Wie konnte Maisano so lange ungehindert handeln? Welche Rolle spielten die Aufsichtsbehörden? Und vor allem: Wie viele der 70 Todesfälle hätten tatsächlich verhindert werden können? Die Staatsanwaltschaft wird nun prüfen, ob sich der Verdacht auf fahrlässige Tötung und Körperverletzung erhärtet. Für die betroffenen Familien ist dies ein schwacher Trost. Der Skandal am Unispital Zürich wird die Schweizer Medizinlandschaft noch lange erschüttern – und mahnt zu einer grundlegenden Reform der Fehlerkultur in Krankenhäusern.
Das Wichtigste
- 70 Patienten starben vermeidbar aufgrund mangelhafter Behandlungsqualität in der Herzchirurgie des USZ.
- Ex-Klinikleiter Francesco Maisano wird vorgeworfen, das riskante 'Cardioband' ohne ausreichende Prüfung implantiert zu haben.
- Der Spitalrat zeigte elf Todesfälle und 13 Medizinprodukte-Einsätze bei der Staatsanwaltschaft an.
- Die Staatsanwaltschaft I ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Urkundenfälschung.
- Der Bericht attestiert ein 'Systemversagen' mit toxischer Führungskultur und mangelnder Kontrolle.
- Der Skandal hat politische Debatten über Spitalaufsicht und Patientensicherheit ausgelöst.



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