Monde

Kerosinmangel: Lufthansa streicht 20.000 Flüge – EU-Kommissar widerspricht Knappheits-Behauptungen

Steigende Treibstoffpreise führen zu massiven Flugstreichungen. Während Airlines auf Versorgungsengpässe verweisen, sieht die EU-Kommission andere Gründe und pocht auf Passagierrechte.

4 min
Kerosinmangel: Lufthansa streicht 20.000 Flüge – EU-Kommissar widerspricht Knappheits-Behauptungen
Steigende Treibstoffpreise führen zu massiven Flugstreichungen. Während Airlines auf Versorgungsengpässe verweisen, siehCredit · DW.com

Die Fakten

  • Lufthansa hat 20.000 Flüge in den kommenden Monaten gestrichen.
  • Die IATA und die IEA warnen vor einem Kerosinmangel.
  • EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas weist Behauptungen über eine Kerosinknappheit in Europa zurück.
  • Tzitzikostas erklärt, dass Treibstoffpreis-bedingte Flugausfälle nicht als außergewöhnliche Umstände gelten.
  • Passagiere haben bei Annullierungen Anspruch auf Ausgleichszahlungen zwischen 250 und 600 Euro.
  • Volotea verlangt bis zu 14 Euro Nachzahlung pro Ticket, abhängig von der Kerosinpreisentwicklung.
  • Die IEA warnte, dass Europa nur noch Vorräte für sechs Wochen habe.

Drohende Nervenprobe für Flugreisende

Die Luftfahrtbranche steht vor einer potenziellen Krise, die Flugreisende in den kommenden Wochen und Monaten auf eine harte Probe stellen könnte. Sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten, droht ein Engpass bei der Kerosinversorgung, der zu erheblichen Beeinträchtigungen des Flugverkehrs führen könnte. Sowohl der internationale Luftfahrtverband IATA als auch die Internationale Energie-Agentur (IEA) haben eindringlich vor dieser Entwicklung gewarnt. Die Folgen des Mangels sind bereits spürbar. Angesichts drastisch gestiegener Kerosinpreise sehen sich zahlreiche Fluggesellschaften weltweit gezwungen, die Mehrkosten zumindest teilweise an ihre Kunden weiterzugeben. Dies kann sich auch auf die Passagierrechte auswirken, wie das Beispiel der spanischen Fluggesellschaft Volotea zeigt. Volotea hat eine Klausel in seine Vertragsbedingungen aufgenommen, die Passagieren sieben Tage vor Reiseantritt eine Nachzahlung von bis zu 14 Euro aufbürdet, abhängig von der Kerosinpreisentwicklung. Die spanische Verbraucherschutzorganisation Facua kritisiert diese Praxis als unzulässig und wirft der Airline mangelnde Transparenz vor. Sie hat offiziell Beschwerde eingereicht und warnt, dass andere Airlines diesem Beispiel folgen könnten.

Massive Flugstreichungen und die Rolle von Lufthansa

Neben teureren Ticketpreisen drohen vor allem massive Flugstreichungen, sollte die Kerosinversorgung tatsächlich ins Stocken geraten. Dieses Szenario zeichnet sich bereits in Teilen Asiens ab und warnt die IATA auch für Europa, pünktlich zum Beginn der sommerlichen Urlaubssaison. Angesichts dieser drohenden Engpässe haben bereits zahlreiche Fluggesellschaften weltweit ihr Angebot vorbeugend reduziert. Die deutsche Lufthansa hat in diesem Zusammenhang kurzfristig 20.000 für die kommenden Monate geplante Flüge gestrichen. Dies ist eine direkte Reaktion auf die unsichere Versorgungslage und die gestiegenen Kosten. Weltweit wurden allein im Mai zwei Millionen Sitzplätze aus den Flugplänen gestrichen. Diese Entwicklung betrifft Millionen von Reisenden und stellt die Airlines vor erhebliche operative Herausforderungen. Die genauen Auswirkungen auf den Flugbetrieb in Europa sind derzeit noch unklar.

EU-Kommissar widerspricht Knappheits-Narrativ

EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas hat jedoch entschieden Behauptungen über eine Kerosinknappheit in Europa zurückgewiesen. Er erklärte gegenüber der „Financial Times“, dass treibstoffpreisbedingte Flugausfälle nicht als außergewöhnliche Umstände gelten und Airlines daher Passagiere entschädigen müssen. Tzitzikostas argumentiert, dass steigende Kerosinkosten in der Branche üblich seien und die Behauptungen über einen Treibstoffmangel übertrieben seien. Europa könne die Versorgung „lange Zeit aufrechterhalten“, widersprach er damit Warnungen der Internationalen Energieagentur und anderer EU-Kommissare. Der griechische Kommissar betonte, dass die Flugausfälle primär auf die verdoppelten Kerosinpreise zurückzuführen seien, die für die Unternehmen wirtschaftlich nicht mehr tragbar seien. Er räumte lediglich ein, dass die Lage „angespannt“ sei, verwies aber auf bestehende Notfallreserven und eingerichtete Überwachungsmechanismen zur Koordination der Versorgung zwischen den Mitgliedstaaten.

Passagierrechte bei Flugannullierungen

Die Fluggastrechteverordnung der EU regelt klar, welche Ansprüche Passagiere bei Flugannullierungen haben. Grundsätzlich besteht Anspruch auf Ausgleichszahlungen in Höhe von 250 bis 600 Euro, abhängig von der Flugstrecke. Zusätzlich können Passagiere Anspruch auf Verpflegung, Hotelunterbringung und Ersatzbeförderung haben. Diese Verordnung gilt für alle Flüge, die von einem EU-Flughafen starten, unabhängig vom Sitz der Airline. Für Flüge aus Drittstaaten in die EU gilt sie nur, wenn die ausführende Fluggesellschaft ihren Sitz in der EU hat. Eine wichtige Ausnahme besteht jedoch: Keine Entschädigung gibt es, wenn die Airline ihre Passagiere mindestens zwei Wochen vor Reiseantritt über die Stornierung informiert. Dies legt nahe, dass Airlines versuchen könnten, Flüge rechtzeitig abzusagen, um Entschädigungszahlungen zu vermeiden. André Duderstaedt von der Verbraucherzentrale Bundesverband wies auf diese mögliche Taktik hin.

Widersprüchliche Warnungen und die Realität der Lieferketten

Die Warnungen vor einem Kerosinmangel sind nicht unbegründet und werden von verschiedenen Seiten gestützt. Der IEA-Direktor Fatih Birol warnte im vergangenen Monat, dass Europa lediglich über Vorräte für sechs Wochen verfüge. Auch EU-Energiekommissar Dan Jørgensen äußerte Bedenken hinsichtlich einer drohenden Versorgungskrise. Diese Einschätzungen stehen im direkten Kontrast zur Ansicht von Kommissar Tzitzikostas, der die Versorgungssicherheit betont. Die widersprüchlichen Aussagen spiegeln die Komplexität der globalen Treibstoffmärkte und die Unsicherheit über die tatsächliche Verfügbarkeit von Kerosin wider. Die IEA und die IATA betonen die Fragilität der Lieferketten, insbesondere im Lichte geopolitischer Spannungen wie dem Iran-Krieg und der Blockade der Straße von Hormus. Diese Faktoren könnten die Verfügbarkeit von Rohöl und damit auch von Kerosin erheblich beeinträchtigen.

Ausblick: Tourismus und langfristige Geschäftsstrategien

Trotz der aktuellen Turbulenzen zeigt sich die Branche nicht gänzlich pessimistisch. Der Chef der Billigfluggesellschaft AirAsia, Tony Fernandes, hat gerade 150 Airbus-Maschinen vom Typ A220-300 bestellt, ein Auftragswert von 19 Milliarden Dollar. AirAsia ist damit der größte Kunde für den kleinsten Airbus-Typ. Fernandes sieht seine langfristigen Geschäftsaussichten nicht beeinträchtigt und signalisiert damit Vertrauen in die Erholung des Marktes. Sollte Airbus eine längere Version des A220 entwickeln, kündigte Fernandes an, weitere 150 Maschinen zu bestellen. EU-Kommissar Tzitzikostas teilt diese Zuversicht und erwartet, dass die Auswirkungen auf den europäischen Tourismus begrenzt bleiben werden. Er setzt darauf, dass die eingerichteten Mechanismen zur Überwachung und Koordination der Kerosinversorgung ausreichen, um eine Panik vor der anstehenden Urlaubssaison zu vermeiden. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob diese Optimismus gerechtfertigt ist.

Das Wichtigste

  • Die Kerosinpreise sind stark gestiegen, was zu höheren Ticketpreisen und Flugstreichungen führt.
  • Lufthansa hat 20.000 Flüge annulliert, was die Auswirkungen auf die Passagiere verdeutlicht.
  • EU-Verkehrskommissar Tzitzikostas bestreitet eine tatsächliche Kerosinknappheit in Europa und nennt wirtschaftliche Gründe für Flugausfälle.
  • Bei Flugannullierungen haben Passagiere nach EU-Recht Anspruch auf Entschädigung, sofern sie nicht rechtzeitig informiert wurden.
  • Verbraucherschutzorganisationen kritisieren Preiserhöhungen und mangelnde Transparenz bei Airlines wie Volotea.
  • Die langfristigen Aussichten der Luftfahrtbranche werden von einigen Akteuren optimistisch bewertet, trotz kurzfristiger Engpässe.
Galerie
Kerosinmangel: Lufthansa streicht 20.000 Flüge – EU-Kommissar widerspricht Knappheits-Behauptungen — image 1Kerosinmangel: Lufthansa streicht 20.000 Flüge – EU-Kommissar widerspricht Knappheits-Behauptungen — image 2
Mehr dazu